Struktur der Bewegung

Die Struktur des Klimastreiks entwickelte sich vor- zu ohne längerfristigen Plan. Bewegungsstrukturen entstehen in der Regel so, doch das macht sie auch schwer verständlich. Wo kann ich kann ich mich en- gagieren? Zeit Klarheit zu schaffen und die Struktur gezielt zu gestalten.

Organisationsform

Die Organisationsform des Klimastreik lässt sich wahrscheinlich am einfachsten über einige Prinzipien, seine Organe sowie über seine Kommunikationskanäle charakterisieren. Beginnen wir dort, wo du wahrscheinlich startest: In einem Chat. Die meisten befinden sich auf Telegram, Whatsapp oder Discord. Grob lässt sich unterscheiden zwischen jenen Chats für informative Mitteilungen, Arbeitsgruppen-Chats und den Chats eines Plenums.  Letztere dienen dazu, alle Aktiven einer Region oder einer Institution wie beispielsweise einer Schule zu erreichen und die Arbeit zwischen den Plenen zu koordinieren. So ziemlich jedes Organ hat einen Chat, wenn nicht mehrere. 

Womit wir bei den Organen des Klimastreiks wären. Es gibt zum einen Plenen, zum anderen Arbeitsgruppen. Die Plenen sind die eigentlichen Entscheidungs- und Koordinationsorgane. In den Arbeitsgruppen wiederum (kurz AGs oder WGs) wird ausgearbeitet und ausgeführt. Jede AG gehört zu einem Plenum. Temporäre Arbeitsgruppen nennen wir Ad-hoc-Gruppen.

Innerhalb des Klimastreiks in der Schweiz existieren die Plenen mit ihren Arbeitsgruppen auf folgenden Ebenen: regional/kantonal, national und pro (Bildungs-)Institution. Ausserdem können grössere Arbeitsgruppen selbst ein Plenum haben. Die eigentliche Arbeit wird dann in Unter-AGs erledigt. Die folgende Darstellung zeigt das nationale Plenum mit seinen ständigen AGs. Die meisten regionalen Plenen orientieren sich mit ihrer thematischen Unterteilung der AGs grob an dieser nationalen Struktur.

[Darstellung]

Nun aber zu den Prinzipien. Im Klimastreik versuchen wir uns “basisdemokratisch” zu organisieren bzw. ohne Hierarchien. Deshalb arbeiten wir unter anderem mit dem Konsensprinzip und so gibt es auch keine Vorstände, Leitungsgruppen oder dergleichen. Wissen und Erfahrungen werden ausgetauscht damit alle überall mitmachen können. Ein weiteres Prinzip lautet, dass die Gruppen möglichst autonom sein sollen. Unsere Struktur ist eine (kon-)föderale. Die mächtigsten Plenen und Organe überhaupt sind daher die regionalen Plenen. 

So toll das alles klingt, unsere Organisationsform bringt doch einige Herausforderungen mit sich, an denen wir noch arbeiten müssen: 1. Im Konsens zu arbeiten bedingt insbesondere auf nationaler Ebene, dass die Vorschläge intensiv regional vorbesprochen werden. Das macht die ganze Sache träge. 2. Bis heute bleibt unklar, in welchem Verhältnis die regionalen und das nationale Plenum stehen. 3. Eigentlich ist der Klimastreik eine internationale Bewegung. Die entsprechende Koordination funktioniert bisher aber grösstenteils über Einzelpersonen und ist daher hierarchisch und wenig partizipativ. Es fehlt eine formalisierte internationale Struktur. 4. Ohne Arbeitsgruppen kein Klimastreik. Arbeitsgruppen werden täglich gegründet, der Weg zur funktionierenden AG ist aber zu träge. Es bräuchte Methoden, um möglichst effizient möglichst effektive AGs aufzubauen.

Beispiel einer regionalen Arbeitsgruppe – Kommunikations-AG Bern 

Die Regionalgruppe “Bern” ist in verschiedene Arbeitsgruppen unterteilt, in der sich jede Person wann und wie sie will einbringen kann. Eine dieser Arbeitsgruppen kümmert sich um die Kommunikation rund um die Aktionen. Sie gliedert sich in weitere Untergruppen (Unter-AG’s): Medienarbeit, Soziale Medien, Webseite, Kreatives und Qualitätskontrolle. Es ist natürlich auch möglich, parallel in mehreren dieser Unter-AG’s mitzumachen. Die Unter-AG “Medien” nimmt unter anderem Interviewanfragen entgegen und versendet Medienmitteilungen zu den Aktionen. Posts auf Instagram, Facebook oder Twitter erstellt die Unter-AG “Soziale Medien”. Flyer, Logos, Plakate und Bildmaterial gestalten die Menschen von der Unter-Ag “Kreativ”. Alle Mitglieder der AG Kommunikation Bern sprechen sich untereinander ab. Bei Fragen, Problemen oder Terminkoordinationen helfen sie sich gegenseitig. Termine für die Sitzungen dieser AG werden gemeinsam festgelegt und finden in unregelmässigem Abstand statt.

Mitmachen leicht gemacht

Du möchtest gerne mithelfen oder dich bei einem bestimmten Thema einbringen? Dann such dir deine Regionalgruppe und werde Teil des Wandels! Die Schweizerkarte (siehe oben) zeigt auf, wo bereits Regionalgruppen existieren. Sie sind alle unter climatestrike.ch/regionalgruppen aufgelistet. In der jeweiligen Gruppe erhältst du weitere Informationen, wie du mithelfen kannst. Such dir also eine in der Nähe aus und trete dem Chat bei. In der Chatbeschreibung findest du oft Links zu Dokumenten, die dir einen Überblick verschaffen werden und Angaben zu Kontaktpersonen enthalten. Melde dich bei Fragen direkt bei ihnen, im Chat oder komm an die nächste Sitzung – wir geben gerne Auskunft!

Ausserdem: schnapp dir deine Freunde, Familie und Plakate und komme an die Demos und Streiks und abonniere unseren Newsletter, um immer auf dem neusten Stand zu sein (climatestrike.ch/mitmachen). Folge uns auf den sozialen Medien und like, kommentiere und teile unsere Posts!

Falls du keine Möglichkeit hast, direkt zu helfen, oder dir die Zeit fehlt, an die Events zu kommen, ist eine Unterstützung durch eine kleine Spende auch sehr willkommen.

Zögere nicht, wir sind offen für alle und froh über jede helfende Hand und alle zusätzlichen Ideen. Die Bewegung wird von all den begeisterten und motivierten Personen wie dir getragen und durch dein Engagement kannst du mithelfen, etwas zu verändern!

Janina Finger, Salome Heiniger, Julia Semmler und Diego Gehrig

Ein umfassendes Problem: Die Klimakrise ist eine soziale Krise

Die Klimakrise führt zu Problemen weltweit. Naturkatastrophen wie Wirbelstürme, Dürren oder Überschwemmungen prägen den Alltag gewisser Bevölkerungsgruppen, während andere einen tieferen Preis zahlen. Und einige den Preis nicht einmal kennen. Dieser Artikel beleuchtet die Dimensionen dieser Ungerechtigkeiten – zeitlich, räumlich, sozial.

Das Haus brennt. Das Unglück bahnt sich schon lange an. Im obersten Stock wohnt eine hochschwangere Frau mit Familie, im Parterre ein alleinstehender Arzt, dazwischen Junge und Alte, Arme und Reiche, Gesunde und Kranke. Den Schaden des Hausbrandes werden alle Bewohner*innen tragen müssen. Doch wer kann sich und seine Habseligkeiten aus eigenen Kräften vor dem Feuer retten? Für wen kommt alle Hilfe zu spät? Wer hat das Feuer verursacht und wer sollte welche Verantwortung übernehmen?

Seit mehr als einem Jahrhundert wachsen verschiedene materielle Flüsse des globalen Systems rapide. Doch das gegenwärtige Wirtschaftswachstum kommt nicht allen zugute, sondern führt zu sozialen Ungleichheiten: „Success to the successful and less success to the already unsuccessful”, wie es “The Limits to Growth. The 30-Year Update“ beschreibt [1]. Gleichzeitig ist das gegenwärtige Wirtschaftswachstum stark mit dem Ausstoss von Treibhausgasen verknüpft. Wer von den gegenwärtigen Strukturen profitiert und die Klimakrise am stärksten mitverursacht, gehört nicht zu denen, die am meisten unter den Folgen leiden.

Durch die Klimakrise werden bestehende Ungerechtigkeiten verschärft und neue geschaffen. Der Klimawandel erhält dadurch eine ethische Ebene, welche durch die Klimagerechtigkeit aufgegriffen wird. Diese fragt danach, wer verursacht, wen die Folgen treffen und welche Verantwortungen daraus resultieren. Und zwar in ihren drei Dimensionen: zeitlich, räumlich, sozial.

(Bild 1)

Die zeitliche Dimension

„You say you love your children above all else and yet you are stealing their future in front of their very eyes“. Greta Thunberg nennt an der COP24 in Polen die Fakten: Bis heute wurde zu wenig unternommen, um gegen die Klimakrise vorzugehen. Das zeigt sich besonders in Bezug auf das Erreichen des Zwei-Grad-Klimaziels: Mit der gegenwärtigen Klimapolitik übersteigen wir die vorindustrielle globale Durchschnittstemperatur bis Ende dieses Jahrhunderts um deutlich mehr als 2°C. Dabei darf die maximale Erwärmung nur 1.5°C betragen [2]. Die Folgen bekommen vor allem junge Menschen und zukünftige Generationen zu spüren. Daher sind Massnahmen nötig, die jetzt umgesetzt werden – anstatt diese aufzuschieben und zukünftigen Generationen aufzubürden.

Die räumliche und soziale Dimension

In der räumlichen Dimension zeigt sich, dass sich Regionen nicht nur stark in ihrem Einfluss auf den Klimawandel, sondern auch in ihrer Betroffenheit unterscheiden. Dabei sind die verursachenden Regionen meist nicht die, die die Konsequenzen tragen. Im Zusammenspiel mit sozialen Faktoren bestimmen regionale Voraussetzungen, wie stark ein Mensch den Folgen ausgesetzt ist.

Besonders die Tropen und Subtropen, der Bereich von Mexiko bis Nord-Argentinien, Indien, Südchina und Afrika werden vermehrt unter den Folgen leiden. Eine der verheerendsten Folgen ist die Wasserknappheit: Sollte sich die Durchschnittstemperatur der Erde um 2°C erwärmen, bedeutet das, dass sich die Anzahl von Wasserknappheit betroffener Menschen von 271 auf 388 Millionen erhöht [3]. Auch der Temperaturanstieg ist nicht in allen Ländern gleich stark. In Subsahara-Afrika wird dieser beispielsweise deutlich höher sein als im globalen Durchschnitt.[2]

Zusätzlich zur geographischen Lage ist auch die Vulnerabilität einer Region entscheidend.  Landwirtschaftlich geprägte Länder des Globalen Südens sind von klimatischen Veränderungen besonders betroffen, da sie direkt von natürlichen Ressourcen abhängig sind. Dürren und andere Extremwetterereignisse betreffen nicht nur Menschen direkt, auch Pflanzen leiden darunter. Der steigende Meeresspiegel führt zu Überflutung tief gelegener landwirtschaftlicher Nutzflächen – wie weite Teile Bangladeschs oder Flussdeltas wie das des Nils. Dies führt zur Versalzung von landwirtschaftlichen Flächen und macht sie für die Lebensmittelerzeugung unbrauchbar. Die Veränderungen der Temperaturen und der Vegetationsperioden können sich ebenfalls auf die Ausbreitung von bestimmten schädigenden Arten auswirken, die sich wiederum auf den Ernteertrag auswirken. Schon jetzt hat die Landwirtschaft Einbussen zu verzeichnen und die Produktion wird besonders in tropischen und subtropischen Breiten, deutlich zurückgehen [3]. Dies führt zu höheren Agrarpreisen und gefährdet die Ernährungssicherheit in diesen Regionen.

Ärmere Länder und Gesellschaftsschichten sind vom Klimawandel nicht nur aufgrund ihrer geografischen Lage stärker betroffen. Sie können sich auch weniger vor den Folgen schützen, da die nötigen Mittel fehlen. Arme Menschen sind beispielsweise stark von Krankheiten und Gesundheitsproblemen betroffen, die durch den Klimawandel verstärkt werden: Malaria oder Durchfallerkrankungen, die bei Temperaturanstieg zunehmen, sowie Verkümmerung aufgrund von Unterernährung. Wassermangel führt zu schlechterer Hygiene, was die Verbreitung von Krankheiten erleichtert. Aufgrund von fehlender Infrastruktur sind diese Menschen Naturgefahren oftmals mehr ausgesetzt. Sie sind also deutlich stärker betroffen – nicht nur, weil sie anfälliger für klimabedingte Schocks sind, sondern auch, weil sie über weniger Ressourcen und Mittel zur Prävention, Bewältigung und Anpassung verfügen.

Hinzu kommt, dass es meist die weniger betroffenen Regionen der Industriestaaten sind, die am meisten zu den Treibhausgasemissionen beitragen. Das Bruttoinlandsprodukt korreliert nachweislich positiv mit dem CO2-Ausstoss eines Landes[4]. Zu diesem CO2-Ausstoss müsste sogar noch derjenige von importierten Produkten dazugerechnet werden.

Frauen als Teil der sozialen Dimension [5]

Das drittstärkste jemals aufgezeichnete Erdbeben im Jahr 2004 verursachte mehrere Tsunamis an den Küsten des Indischen Ozeans. Durch das Beben und seine Folgen starben rund 230’000 Menschen. Auffallend: Unter den Opfern sind viele Frauen.

Dabei spielt das biologische Geschlecht nur insofern eine Rolle, weil es mit der Zuordnung zu einer sozialen Gruppe einhergeht. Frauen erfahren aufgrund sozial geprägter Geschlechterrollen und patriarchalischer Gesellschaftsstrukturen Ungerechtigkeiten, die durch die Klimakrise verschärft werden. 

Dieses Phänomen zeigt sich besonders in ländlichen Regionen des Globalen Südens. Frauen haben grundsätzlich einen tieferen sozialen Status und weniger politische und wirtschaftliche Macht als Männer. Sie sind im traditionellen Gesellschaftsmodell für Haushalt und Familie zuständig, halten sich somit vor allem zuhause auf und sind auf sich alleine gestellt. Die Flucht wird durch traditionell lange Kleidung und mangelnden körperlichen Fähigkeiten erschwert, trotz allem sind sie während der Flucht für die Sicherheit der Kinder verantwortlich.

Zurückgelassene und überlebende Frauen tragen die weiteren Folgen. So ist es  schwierig, Sozialleistungen zu erhalten, da Familien oft im Namen des Mannes für Regierungs- und Versicherungszwecke eingetragen sind. 

Die Sicherheit der Frau leidet unter den Folgen der Klimakrise. Und zwar grundsätzlich. Von Vergewaltigungen, sexuellen Belästigungen und Gesundheitsproblemen in Flüchtlingslagern sind vor allem Frauen betroffen.

Frauen sind zusätzlich, vor allem in Ländern des Globalen Südens, wichtig in der Landwirtschaft, und generell stärker und häufiger von Armut betroffen, wodurch sie klimabedingten Veränderungen mehr ausgesetzt sind.[6,7] Das Bittere bei all dem: Frauen tragen auch weniger zur Verstärkung der Klimakrise bei als Männer. Ihr Pro-Kopf-Anteil am CO2-Ausstoß ist weltweit niedriger. 

Migration als mögliche Reaktion

Für manche bildet die Flucht die letzte Möglichkeit, sich vor den Folgen der Klimakrise zu schützen. Flucht im Zusammenhang mit der Klimakrise ist jedoch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, was das Bestimmen exakter Zahlen und das Verständnis erschwert. Klar ist, dass die Grössenordnung nicht zu unterschätzen ist: Im Jahr 2017 waren 30.6 Millionen Menschen zusätzlich auf der Flucht, knapp zwei Drittel davon aufgrund von Naturkatastrophen – teilweise ausgelöst durch den Klimawandel [8].
Asiatische Länder sind besonders von solchen Ereignissen betroffen. [9]. Viele der aufgrund von Umwelt- sowie Klimaveränderungen Geflüchteten migrieren innerhalb des eigenen Landes. Diese Regionen müssen also zusätzlich zu den Belastungen durch den Klimawandel den Geflüchteten Schutz und Hilfe bieten können. [10] Fliehen Menschen über die eigene Landesgrenze hinaus, so entfällt ihr rechtlicher Schutz – im internationalen rechtlichen Term „refugee“ finden sie keinen Halt [11].

Nach einer erfolgreichen Wiederaufbauphase in Folge einer Naturkatastrophe können Geflüchtete wieder in ihren Heimatort zurückkehren. Handelt es sich aber um irreversible Veränderungen von Lebensgrundlagen, wie zum Beispiel einer Versalzung des Bodens, ist eine Rückkehr nicht mehr möglich [9]. Diese Menschen werden nicht nur ihrer Häuser beraubt, sondern auch ihrer Heimat.

Klimagerechtigkeit als Forderung

Das Haus brennt noch immer. Die Uhr tickt, immer mehr Stockwerke fangen Feuer. Wie weiter? Bewohner*innen müssen sich gegenseitig  helfen: gefährdete Personen warnen, Menschen und Tiere aus brennenden Räumen retten und sich gegenseitig Mut machen.

Mehr als je zuvor verursacht menschliches Handeln Umweltkatastrophen und daraus resultierende soziale Krisen. Klare Beziehungen zwischen Ursachen und Folgen sind schwer zu bestimmen, das Verursacherprinzip lässt sich nur bedingt anwenden. Trotzdem besteht unser Ziel darin, ein gerechteres System zu schaffen, mit der die Auswirkungen der Klimakrise verringert werden. Für das sind Regelungen nötig, durch welche diese Ungerechtigkeiten ausgeglichen werden. Deshalb fordert der Klimastreik Klimagerechtigkeit.

Michèle Arlati, Jasmin Annaheim, Céline Schwarz und Lina Gisler

Der Klimastreik: eine Jugendbewegung?

Im Zusammenhang mit dem Klimastreik wird oft das Wort Jugendbewegung verwendet, doch was bedeutet das genau? Unsere Reporter Simon Hotz und Zaccaria Al-Fatlawi haben sich in einer kritischen Betrachtung der sozialen Zusammensetzung der Bewegung genauer mit dieser Frage auseinandergesetzt.

Die Vorhänge werden zugezogen, die Blicke richten sich träge nach vorne: „Danke, dass ihr alle so zahlreich erschienen seid. Wir würden mal mit dem Rückblick auf die letzte Demo beginnen.“

Wir befinden uns in einem Hörsaal der Universität Zürich. Hier findet keine Vorlesung statt, sondern die Sitzung des Organisationskomitees des Klimastreiks Zürich. Auf der Leinwand ist eine Traktandenliste projiziert. Im Raum sitzen etwa dreissig Jugendliche – einige davon besuchen noch die Sekundarschule, andere absolvieren ein Studium. Anfangs wird noch getuschelt – die erste Person erhebt die Hand und es wird still. Sie spricht, während weitere Hände in die Höhe schnellen, mit Händeschütteln ihre Zustimmung kundgeben oder mit Fingerzeichen eine selbstständige Rednerliste führen. In der Runde erblickt man verschiedene Gesichter; verschiedene Menschen mit verschiedenen Hintergründen. Diese Jugendlichen eint die Sorge um unseren Planeten und der Wunsch – nein, der Drang nach einer besseren, sozialeren und ökologischeren Zukunft.

Jugendliche im Klimastreik

Man kann den Klimastreik als eine Jugendbewegung begreifen – schon nur weil das Thema Klimakrise Jugendliche direkt betrifft. Heute werden jene Entscheidungen getroffen, welche ihre Zukunft bestimmen werden. Streiks sind jedoch traditionell ein Druckmittel im Arbeitskampf, um durch kollektive Verletzung der Arbeitspflicht ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Worin liegt also der Sinn im Schulstreik unter Jugendlichen? Paula Schmid, eine Klimastreikende und Sekundarschülerin, die ebenfalls an der Sitzung teilnimmtt, meint: „Die Streiks sind quasi unser einziges Mittel, mit dem wir Aufmerksamkeit erregen können; indem wir die Schule schwänzen“.

Im März erstellten zwei Klimastreikende eine Umfrage mit 975 Teilnehmenden, die intern und über den Instagram Kanal der Klimastreik-Bewegegung verbreitet wurde. Die Umfrage zeigt deutlich: der Grossteil der Klimastreikenden ist Minderjährig. Sie werden vom Schweizer Stimmrecht als unmündige BürgerInnen angesehen und haben somit kein politisches Mitbestimmungsrecht. Das Paradoxon der (Klima-)Politik zeichnet sich ab: Erwachsene treffen Entscheidungen, welche die Jugendlichen später ausbaden müssen.

Grafik 1

Trotz der hohen Anzahl Jugendlichen sind SekundarschülerInnen wie Paula und Lernende dennoch in der Minderheit. Werden GymnasiastInnen und Studierende eher bezüglich Klima und Umwelt sensibilisiert und profitieren von mehr Bildung in dieser Thematik? Ist der Klimastreik gar eine Bewegung der „Bildungselite“?

Zu elitär?

Es ist wichtig die Frage des Elitarismus zu stellen; gerade weil der Klimastreik sich darum bemüht pluralistisch zu sein. Dabei gilt es die internen Strukturen und Mechanismen des Klimastreiks zu hinterfragen und Lösungen auszuarbeiten. Wenn man sich die Zusammensetzung der Jugendlichen anschaut, wird man feststellen: Die Streikenden sind zu einem erheblichen Teil hellhäutige, westeuropäische GymnasiastInnen oder Studierende. Ebenfalls zeigen die Genderwatch-Protokolle, die an den Sitzungen erstellt werden, dass Männer im Vergleich zu Frauen öfter und länger sprechen. Der Klimastreik hat damit begonnen solche Ungleichheiten aktiv zu bekämpfen, indem beispielsweise ebensolche Genderwatch-Protokolle geführt werden und Frauen – unpaternalistisch – dazu ermutigt werden sich stärker einzubringen. Auch hat sich eine eigene Arbeitsgruppe gebildet, die Lösungen zur Inklusion ausarbeitet.

Obschon der Klimastreik strukturelle Probleme aufweist, ist es doch gerade die Stärke einer Jugendbewegung diese Probleme zu lösen. Idealistisch, frech und noch nicht der Routine des Lebens verfallen, ist die Jugend weniger anfällig für veraltete Denkmuster. Diese Stärke kann ganz bewusst vom Klimastreik genutzt werden: Herrschende Hegemonien müssen hinterfragt und damit einhergehend auch neue pluralistische Ansätze erdacht und angewendet werden. Da sind die wissenschaftlichen Facts, auf die sich die Bewegung so erpicht stützt, der IPCC Bericht; wer ihn schon mal überflogen hat, wird schnell feststellen, dass der Bericht nicht für Laien geschrieben wurde. Wenn die Bewältigung der Klimakrise alle Menschen betrifft, soll die Begründung dafür auch für alle Menschen verständlich und nicht hinter komplexen Fachwörtern und Diagrammen versteckt sein.

Jugendbewegung – international

Anders als in der Schweiz begann in Grossbritannien die Bewegung nicht mit Gymnasiast*Innen oder Studierenden, sondern mit einem Elfjährigen und zwei Neunjährigen. Diese drei Kinder – Finlay, Ella und Megan – haben die ersten Streiks in Schottland gestartet, möglicherweise sogar die ersten in ganz Grossbritannien. Mitte Dezember fand ihr erster Streik statt; zu dritt. Seither haben sie jeden Freitag gestreikt und viele Gruppen haben sich angeschlossen. So gelang es dem Youth Strike for Climate (Klimastreik-Bewegung in Grossbritannien) ein massives Momentum aufzubauen, bis zurAusrufung des nationalen Klimanotstandes.

Wie viele andere Jugendliche auch, steht Finlay der momentanen Politik sehr kritisch gegenüber. Politiker tendierten dazu, kurzfristig zu denken und arbeiteten in vier bis fünfjährigen Wahlperioden: „Den Politikern fehlt der politische Wille um die Klimakrise anzugehen. Sie schieben das Problem lieber weiter vor sich hin.“

Vielleicht sind es deshalb die Jugendlichen, die sich jetzt erheben. Weil sie genug haben, von Politikern, die kurzfristig denken. Weil sie den nötigen Weitblick haben, die nötige Kraft und die nötige Prise Idealismus. Und sie haben es satt, bevormundet zu werden von den Erwachsenen – von der alten Generation, die auf Kosten der nächsten gelebt hat. Jugendliche seien sich eher der Notwendigkeit einer nachhaltigen Zukunft bewusst, denkt Finlay. Sie sähen die Dringlichkeit jetzt zu handeln um diese Zukunft zu beschützen und zu erreichen. „Jugendliche haben den Glauben, dass Dinge anders getan werden können. Sie haben eine klare Auffassung was möglich wäre und akzeptieren die Notwendigkeit von Veränderung.“

Zaccaria Al-Fatlawi

Unsere Forderungen

Am ersten nationalen Treffen vom 30. Dezember 2018 wurden in Bern zum ersten Mal gemeinsame Forderungen unserer Bewegung aufgestellt und im Plenum verabschiedet. Sie sollen der Bewegung erlauben, trotz dezentraler Organisation auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten. Die Forderungen sind relativ allgemein gehalten, da die Aufstellung und Umsetzung von konkreten Massnahmen immer noch Aufgabe der Politik und Wissenschaft ist. 

Nationaler Klimanotstand

Eine Krise kann nicht bewältigt werden, ohne dass sie zuvor als eine solche anerkannt wird. Die globale Erwärmung stellt eine unvergleichliche Bedrohung für den Mensch und seine Umwelt dar. Ernteausfälle, Wasserknappheit, steigende Meeresspiegel und Wetterextreme machen die Klimakrise zu einer Frage nationaler Sicherheit. Die Verantwortung, eine solche Krisensituation zu überwinden, kann nicht auf die Eigenverantwortung von Privatpersonen abgeschoben werden. 

Mit der Ausrufung des Klimanotstands soll sich der Bund dazu verpflichten, eine humanitäre Katastrophe zu verhindern und alles in seiner Macht stehende zu unternehmen, um die globale Erwärmung auf 1.5°C zu begrenzen. Er soll alle künftigen Entscheidungen an diesem Ziel messen. Weiter muss die Regierung die Bevölkerung angemessen informieren, um diese über Ursachen, Folgen und Lösungen der Klimakrise auf wissenschaftlicher Basis aufzuklären. Der Kampf gegen den anthropogenen Klimawandel muss in der Politik zur obersten Priorität werden.

Netto null 2030

Im Jahr 2015 hat die Schweiz das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet und 2017 ratifiziert. Damit hat sie sich zu einer Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2°C, wenn möglich auf 1.5°C verpflichtet. Um dieses Ziel einzuhalten, müssen wir bei einer linearen Absenkung unserer Emissionen 2037 weltweit netto null erreichen. Ein wirtschaftlich und technologisch hervorragend positioniertes Land wie die Schweiz sollte schneller reduzieren. 

Dabei ist es wichtig, eine vollkommen emissionsfreie und nicht die immer wieder propagierte emissionsarme Gesellschaft anzustreben. Effizienzsteigerung erleichtert zwar die Substitution durch erneuerbare Energien, aber alleine bringt sie uns nicht weiter. Es geht nicht um weniger Emissionen, unsere Produktion und Lebensweise muss vollständig von fossilen Energieträgern entkoppelt werden. 

Klimagerechtigkeit

Die Kosten, die durch das Verbrennen von fossilen Brennstoffen entstehen, werden externalisiert und auf die Allgemeinheit abgewälzt. Unternehmen und Personen, die Treibhausgas-Emissionen verursachen, tragen nicht die Konsequenzen für die dadurch entstandenen Schäden an Mensch und Natur. Diese werden von der Gesamtbevölkerung und insbesondere von kommenden Generationen getragen. 

Meist leiden gerade diejenigen, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen, am stärksten unter seinen Folgen. Während Industrieländer wie die Schweiz jahrzehntelang vom Verbrauch fossiler Energieträger profitiert haben, werden künftige Generationen und vor allem ärmere Bevölkerungsgruppen im globalen Süden die verheerenden Auswirkungen zu spüren bekommen. Die Klimakrise droht dadurch, in einem Generationenbetrug zu münden, sowie die sozialen Ungleichheiten weiter zu vergrössern. 

Es entspricht daher jedem Gerechtigkeitsbegriff, dass der Klimaschutz nach dem Verursacherprinzip erfolgt und damit die Kostenwahrheit wiederhergestellt wird. Diese Forderung ist eigentlich ein Selbstverständnis und steht auch bereits in unserer Verfassung.

Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Art 74:

1. Der Bund erlässt Vorschriften über den Schutz des Menschen und seiner natürlichen Umwelt vor schädlichen oder lästigen Einwirkungen.

2. Er sorgt dafür, dass solche Einwirkungen vermieden werden. Die Kosten der Vermeidung und Beseitigung tragen die Verursacher.

Dieser Artikel wird zurzeit von Parlament und Regierung nicht konsequent umgesetzt, was sich sofort ändern muss. Die momentane Schweizer Klimapolitik ist verfassungswidrig.

Systemwandel?

„Falls diesen Forderungen im aktuellen System nicht nachgekommen werden kann, braucht es einen Systemwandel“ lautet die als Klausel formulierte Zusatzbemerkung zu den drei Forderungen. Die Klimakrise wird unsere Gesellschaft grundlegend verändern, ob wir wollen oder nicht. Wir können bloss entscheiden, auf welche Weise sie das tut.

Entscheiden wir uns dazu, untätig zu bleiben, wird der Klimawandel diverse Bereiche unserer Zivilisation irreversibel beschädigen und wir werden uns gezwungenermassen an die neuen, härteren Bedingungen anpassen müssen. Diese Art des Systemwandels wäre alles andere als wünschenswert und würde viel höhere Kosten hervorrufen, als eine konsequente Energiewende. Der Status quo wird nicht bestehen bleiben.

Entschliessen wir uns allerdings dazu, die Klimakatastrophe abzuwenden, können wir bestimmen, wie diese Veränderungen genau aussehen werden. Die Gesetze der Natur lassen sich jedenfalls nicht ändern, unsere eigenen schon. Wir dürfen nicht aus reiner Gewohnheit in dieeine Katastrophe laufen.

Nico Müller

Regionale News

Am ersten nationalen Treffen vom 30. Dezember 2018 wurden in Bern zum ersten Mal gemeinsame Forderungen unserer Bewegung aufgestellt und im Plenum verabschiedet. Sie sollen der Bewegung erlauben, trotz dezentraler Organisation auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten. Die Forderungen sind relativ allgemein gehalten, da die Aufstellung und Umsetzung von konkreten Massnahmen immer noch Aufgabe der Politik und Wissenschaft ist. 

Nationaler Klimanotstand

Eine Krise kann nicht bewältigt werden, ohne dass sie zuvor als eine solche anerkannt wird. Die globale Erwärmung stellt eine unvergleichliche Bedrohung für den Mensch und seine Umwelt dar. Ernteausfälle, Wasserknappheit, steigende Meeresspiegel und Wetterextreme machen die Klimakrise zu einer Frage nationaler Sicherheit. Die Verantwortung, eine solche Krisensituation zu überwinden, kann nicht auf die Eigenverantwortung von Privatpersonen abgeschoben werden. 

Mit der Ausrufung des Klimanotstands soll sich der Bund dazu verpflichten, eine humanitäre Katastrophe zu verhindern und alles in seiner Macht stehende zu unternehmen, um die globale Erwärmung auf 1.5°C zu begrenzen. Er soll alle künftigen Entscheidungen an diesem Ziel messen. Weiter muss die Regierung die Bevölkerung angemessen informieren, um diese über Ursachen, Folgen und Lösungen der Klimakrise auf wissenschaftlicher Basis aufzuklären. Der Kampf gegen den anthropogenen Klimawandel muss in der Politik zur obersten Priorität werden.

Netto null 2030

Im Jahr 2015 hat die Schweiz das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet und 2017 ratifiziert. Damit hat sie sich zu einer Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2°C, wenn möglich auf 1.5°C verpflichtet. Um dieses Ziel einzuhalten, müssen wir bei einer linearen Absenkung unserer Emissionen 2037 weltweit netto null erreichen. Ein wirtschaftlich und technologisch hervorragend positioniertes Land wie die Schweiz sollte schneller reduzieren. 

Dabei ist es wichtig, eine vollkommen emissionsfreie und nicht die immer wieder propagierte emissionsarme Gesellschaft anzustreben. Effizienzsteigerung erleichtert zwar die Substitution durch erneuerbare Energien, aber alleine bringt sie uns nicht weiter. Es geht nicht um weniger Emissionen, unsere Produktion und Lebensweise muss vollständig von fossilen Energieträgern entkoppelt werden. 

Klimagerechtigkeit

Die Kosten, die durch das Verbrennen von fossilen Brennstoffen entstehen, werden externalisiert und auf die Allgemeinheit abgewälzt. Unternehmen und Personen, die Treibhausgas-Emissionen verursachen, tragen nicht die Konsequenzen für die dadurch entstandenen Schäden an Mensch und Natur. Diese werden von der Gesamtbevölkerung und insbesondere von kommenden Generationen getragen. 

Meist leiden gerade diejenigen, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen, am stärksten unter seinen Folgen. Während Industrieländer wie die Schweiz jahrzehntelang vom Verbrauch fossiler Energieträger profitiert haben, werden künftige Generationen und vor allem ärmere Bevölkerungsgruppen im globalen Süden die verheerenden Auswirkungen zu spüren bekommen. Die Klimakrise droht dadurch, in einem Generationenbetrug zu münden, sowie die sozialen Ungleichheiten weiter zu vergrössern. 

Es entspricht daher jedem Gerechtigkeitsbegriff, dass der Klimaschutz nach dem Verursacherprinzip erfolgt und damit die Kostenwahrheit wiederhergestellt wird. Diese Forderung ist eigentlich ein Selbstverständnis und steht auch bereits in unserer Verfassung.

Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Art 74:

1. Der Bund erlässt Vorschriften über den Schutz des Menschen und seiner natürlichen Umwelt vor schädlichen oder lästigen Einwirkungen.

2. Er sorgt dafür, dass solche Einwirkungen vermieden werden. Die Kosten der Vermeidung und Beseitigung tragen die Verursacher.

Dieser Artikel wird zurzeit von Parlament und Regierung nicht konsequent umgesetzt, was sich sofort ändern muss. Die momentane Schweizer Klimapolitik ist verfassungswidrig.

Systemwandel?

„Falls diesen Forderungen im aktuellen System nicht nachgekommen werden kann, braucht es einen Systemwandel“ lautet die als Klausel formulierte Zusatzbemerkung zu den drei Forderungen. Die Klimakrise wird unsere Gesellschaft grundlegend verändern, ob wir wollen oder nicht. Wir können bloss entscheiden, auf welche Weise sie das tut.

Entscheiden wir uns dazu, untätig zu bleiben, wird der Klimawandel diverse Bereiche unserer Zivilisation irreversibel beschädigen und wir werden uns gezwungenermassen an die neuen, härteren Bedingungen anpassen müssen. Diese Art des Systemwandels wäre alles andere als wünschenswert und würde viel höhere Kosten hervorrufen, als eine konsequente Energiewende. Der Status quo wird nicht bestehen bleiben.

Entschliessen wir uns allerdings dazu, die Klimakatastrophe abzuwenden, können wir bestimmen, wie diese Veränderungen genau aussehen werden. Die Gesetze der Natur lassen sich jedenfalls nicht ändern, unsere eigenen schon. Wir dürfen nicht aus reiner Gewohnheit in dieeine Katastrophe laufen.

Nina Federer und Dario Vareni

Klimastreik – eine Jugendbewegung?

Im Zusammenhang mit dem Klimastreik wird oft das Wort Jugendbewegung verwendet, doch was bedeutet das genau? Unsere Reporter Simon Hotz und Zaccaria Al-Fatlawi haben sich in einer kritischen Betrachtung der sozialen Zusammensetzung der Bewegung genauer mit dieser Frage auseinandergesetzt.

Die Vorhänge werden zugezogen, die Blicke richten sich träge nach vorne: „Danke, dass ihr alle so zahlreich erschienen seid. Wir würden mal mit dem Rückblick auf die letzte Demo beginnen.“

Wir befinden uns in einem Hörsaal der Universität Zürich. Hier findet keine Vorlesung statt, sondern die Sitzung des Organisationskomitees des Klimastreiks Zürich. Auf der Leinwand ist eine Traktandenliste projiziert. Im Raum sitzen etwa dreissig Jugendliche – einige davon besuchen noch die Sekundarschule, andere absolvieren ein Studium. Anfangs wird noch getuschelt – die erste Person erhebt die Hand und es wird still. Sie spricht, während weitere Hände in die Höhe schnellen, mit Händeschütteln ihre Zustimmung kundgeben oder mit Fingerzeichen eine selbstständige Rednerliste führen. In der Runde erblickt man verschiedene Gesichter; verschiedene Menschen mit verschiedenen Hintergründen. Diese Jugendlichen eint die Sorge um unseren Planeten und der Wunsch – nein, der Drang nach einer besseren, sozialeren und ökologischeren Zukunft.

Jugendliche im Klimastreik

Man kann den Klimastreik als eine Jugendbewegung begreifen – schon nur weil das Thema Klimakrise Jugendliche direkt betrifft. Heute werden jene Entscheidungen getroffen, welche ihre Zukunft bestimmen werden. Streiks sind jedoch traditionell ein Druckmittel im Arbeitskampf, um durch kollektive Verletzung der Arbeitspflicht ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Worin liegt also der Sinn im Schulstreik unter Jugendlichen? Paula Schmid, eine Klimastreikende und Sekundarschülerin, die ebenfalls an der Sitzung teilnimmtt, meint: „Die Streiks sind quasi unser einziges Mittel, mit dem wir Aufmerksamkeit erregen können; indem wir die Schule schwänzen“.

Im März erstellten zwei Klimastreikende eine Umfrage mit 975 Teilnehmenden, die intern und über den Instagram Kanal der Klimastreik-Bewegegung verbreitet wurde. Die Umfrage zeigt deutlich: der Grossteil der Klimastreikenden ist Minderjährig. Sie werden vom Schweizer Stimmrecht als unmündige BürgerInnen angesehen und haben somit kein politisches Mitbestimmungsrecht. Das Paradoxon der (Klima-)Politik zeichnet sich ab: Erwachsene treffen Entscheidungen, welche die Jugendlichen später ausbaden müssen.

Trotz der hohen Anzahl Jugendlichen sind SekundarschülerInnen wie Paula und Lernende dennoch in der Minderheit. Werden GymnasiastInnen und Studierende eher bezüglich Klima und Umwelt sensibilisiert und profitieren von mehr Bildung in dieser Thematik? Ist der Klimastreik gar eine Bewegung der „Bildungselite“?

Zu elitär?

Es ist wichtig die Frage des Elitarismus zu stellen; gerade weil der Klimastreik sich darum bemüht pluralistisch zu sein. Dabei gilt es die internen Strukturen und Mechanismen des Klimastreiks zu hinterfragen und Lösungen auszuarbeiten. Wenn man sich die Zusammensetzung der Jugendlichen anschaut, wird man feststellen: Die Streikenden sind zu einem erheblichen Teil hellhäutige, westeuropäische GymnasiastInnen oder Studierende. Ebenfalls zeigen die Genderwatch-Protokolle, die an den Sitzungen erstellt werden, dass Männer im Vergleich zu Frauen öfter und länger sprechen. Der Klimastreik hat damit begonnen solche Ungleichheiten aktiv zu bekämpfen, indem beispielsweise ebensolche Genderwatch-Protokolle geführt werden und Frauen – unpaternalistisch – dazu ermutigt werden sich stärker einzubringen. Auch hat sich eine eigene Arbeitsgruppe gebildet, die Lösungen zur Inklusion ausarbeitet.

Obschon der Klimastreik strukturelle Probleme aufweist, ist es doch gerade die Stärke einer Jugendbewegung diese Probleme zu lösen. Idealistisch, frech und noch nicht der Routine des Lebens verfallen, ist die Jugend weniger anfällig für veraltete Denkmuster. Diese Stärke kann ganz bewusst vom Klimastreik genutzt werden: Herrschende Hegemonien müssen hinterfragt und damit einhergehend auch neue pluralistische Ansätze erdacht und angewendet werden. Da sind die wissenschaftlichen Facts, auf die sich die Bewegung so erpicht stützt, der IPCC Bericht; wer ihn schon mal überflogen hat, wird schnell feststellen, dass der Bericht nicht für Laien geschrieben wurde. Wenn die Bewältigung der Klimakrise alle Menschen betrifft, soll die Begründung dafür auch für alle Menschen verständlich und nicht hinter komplexen Fachwörtern und Diagrammen versteckt sein.

Jugendbewegung – international

Anders als in der Schweiz begann in Grossbritannien die Bewegung nicht mit Gymnasiast*Innen oder Studierenden, sondern mit einem Elfjährigen und zwei Neunjährigen. Diese drei Kinder – Finlay, Ella und Megan – haben die ersten Streiks in Schottland gestartet, möglicherweise sogar die ersten in ganz Grossbritannien. Mitte Dezember fand ihr erster Streik statt; zu dritt. Seither haben sie jeden Freitag gestreikt und viele Gruppen haben sich angeschlossen. So gelang es dem Youth Strike for Climate (Klimastreik-Bewegung in Grossbritannien) ein massives Momentum aufzubauen, bis zurAusrufung des nationalen Klimanotstandes.

Wie viele andere Jugendliche auch, steht Finlay der momentanen Politik sehr kritisch gegenüber. Politiker tendierten dazu, kurzfristig zu denken und arbeiteten in vier bis fünfjährigen Wahlperioden: „Den Politikern fehlt der politische Wille um die Klimakrise anzugehen. Sie schieben das Problem lieber weiter vor sich hin.“

Vielleicht sind es deshalb die Jugendlichen, die sich jetzt erheben. Weil sie genug haben, von Politikern, die kurzfristig denken. Weil sie den nötigen Weitblick haben, die nötige Kraft und die nötige Prise Idealismus. Und sie haben es satt, bevormundet zu werden von den Erwachsenen – von der alten Generation, die auf Kosten der nächsten gelebt hat. Jugendliche seien sich eher der Notwendigkeit einer nachhaltigen Zukunft bewusst, denkt Finlay. Sie sähen die Dringlichkeit jetzt zu handeln um diese Zukunft zu beschützen und zu erreichen. „Jugendliche haben den Glauben, dass Dinge anders getan werden können. Sie haben eine klare Auffassung was möglich wäre und akzeptieren die Notwendigkeit von Veränderung.“

Zaccaria Al-Fatlawi, 19 Jahre alt

Generationsübergreifende Unterstützung

Für viele Entscheidungstragende aus der älteren Generation stellt sich die Klimafrage kaum. So besteht mehr als die Hälfte unserer Bundesversammlung aus über 54-Jährigen. Wer davon das Jahr 2050, in dem die kritischen 1.5 Grad Erderwärmung erreicht sein werden, noch erlebt, hat eine sehr hohe Lebenserwartung. Dennoch ist der Rückhalt für die Klimabewegung aus den älteren Bevölkerungsschichten nicht zu übersehen. Die KlimaseniorInnen als Bevölkerungsgruppe, die bereits jetzt stark unter dem Klimawandel leidet, die Eltern fürs Klima, die im Sinne einer glaubwürdigen Fürsorge den Planeten ihrer Kinder schützen – aber auch ausserhalb dieser Gruppierungen gibt es immer wieder Hilfe für die Anliegen des Klimastreiks.

Ein Beispiel für die generationenübergreifende Zusammenarbeit findet sich in St. Gallen. Etwa fünfzig engagierte Klimastreikende besuchten am 18. Februar eine Session des Kantonsrats. Es ging um besonders klimarelevante Standesbegehren: Ein kantonales Inlandflugverbot und eine Kerosinsteuer. ,,Ich fand es krass, zu sehen, in welche Hände wir unsere Zukunft geben’’, sagt Tabea Heimbucher, die im Kantonsratssaal dabei war. ,,Die Aufmerksamkeit der Kantonsrät*innen war erstaunlich niedrig.’’ Der Besuch – überwiegend Schüler*innen – hatte deshalb nicht im Sinn, brav und stumm sitzen zu bleiben, während vor seinen Augen über seine Zukunft verhandelt wurde. Die Teilnehmenden wussten, dass sie keine Banner oder Ähnliches mitnehmen durften und beim Eingang kontrolliert werden würden. Aber damit war die Demo nicht geplatzt – dank Kantonsrat Max Lemmenmeier, der heimlich ein zwei Meter breites Transparent mitgenommen und den Klimastreikenden nach der Eingangskontrolle übergeben hatte. Der grossformatige Mahnspruch Reisst euch zusammen – Die Erde steht in Flammen hatte also den Weg bis nach drinnen geschafft und trug, begleitet von Applaus, Zwischenrufen und Parolen (,,Wem sini Zuekunft?‘‘) seitens der Demonstrierenden, seinen Teil zum Verlauf der aussergewöhnlichen Kantonsratssession bei. 

,,Die Hilfe aus anderen Altersgruppen finden wir super’’, so Miriam Rizvi, Mediensprecherin von Klimastreik Ostschweiz. Es gibt keinen Grund, weshalb sich die Bewegung auf Gymnasiast*innen und Studierende beschränken sollte. Schliesslich betrifft der Klimawandel bereits heute den gesamten menschlichen Lebensraum und die Dringlichkeit des Problems ist zu gross, als dass die Existenzfrage als Anliegen einer einzigen demografischen Gruppe betrachtet werden dürfte. Unterstützung von ausserhalb der Gymnasien und Hochschulen ist aber bereits vorhanden, wächst weiter und macht den Streikenden Mut. So auch Rizvi: ,,Das Thema geht alle etwas an und viele zeigen sich solidarisch.’’

Lemmenmeier musste für seine hintergründige Hilfe bei der St. Galler Kantonsratsdemo geradestehen. Kritik am Inhalt des Transparents musste der ehemalige Kantonsschullehrer aber keine einstecken. Die Demonstrierenden ihrerseits wurden für ihre Aktion, die gegen das Ratsreglement verstiess, gerügt und durch die Kantonsschule am Burggraben St. Gallen bestraft. Dennoch hatte die Zusammenarbeit zwischen den Generationen deutlichen Erfolg: Das Standesbegehren zur Kerosinsteuer wäre an jener Session zugunsten des neuen Hundegesetzes (!) vertagt worden, hätte Lemmenmeier nicht per Ordnungsantrag Einspruch erhoben. So wurde die Massnahme, nachdem die Klimastreikenden den Saal auf Aufforderung verliessen, dann doch beraten und mit 54 zu 51 Stimmen bei zwei Enthaltungen angenommen – dank dem Druck der Klimabewegung.

Auch wenn die Massnahmen noch nicht genügen, um die Klimakrise in den Griff zu bekommen: Der Klimaschutz ist seit Jahrzehnten Thema in der Politik. Lemmenmeier ist froh, dass seit Dezember regelmässiger, häufiger Druck von der Strasse kommt. Nun sind nämlich auch die bürgerlichen Parteien gezwungen, sich mit der Klimafrage auseinanderzusetzen – wobei der schweizerische Umweltschutzartikel eigentlich seit 1973 in Kraft ist und US-Präsident Johnson schon 1965 über den Zusammenhang zwischen Temperaturanstieg und Treibhausgasen informierte. Die Klimabewegung verdeutlicht nun, wie wenig seither erreicht wurde, und wie gross die Herausforderungen sind. Und sie sind nicht einfacher zu meistern als zu Lemmenmeiers Jugendzeit: Bis in die siebziger Jahre sind etwa Flüge ein Luxusgut gewesen, heute sind sie weit verbreitet. Ausserdem stellt sich der neoliberale Zeitgeist des 21. Jahrhunderts breit gefächerten Massnahmen in den Weg. So argumentiert auch Jonas Hostettler von Eltern fürs Klima: ,,Als die Ozonschicht in den 80er Jahren durch Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) rapide abnahm, war den meisten Menschen klar, dass dieses Problem ohne ein Verbot der Ozon zersetzenden Stoffe nur sehr schwer zu lösen wäre. Also verbannte man FCKW per Gesetz vom Markt.‘‘ Das entsprach der gängigen Denkweise jener Zeit. Heute ist der Tenor in den bürgerlich dominierten Parlamenten: Wer die Umwelt schützen wolle, solle vor der eigenen Türe kehren und sich für das grüne Produkt entscheiden, das der freie Markt auch sicherlich bereitstelle. Und im Umkehrschluss: Wenn niemand bereit ist, für eine Fernzugfahrt tiefer ins Portemonnaie zu greifen als für ein Flugbillet, dann brauche es dieses Angebot auch nicht. Mit anderen Worten: ,,Öko’’ muss man sich eben leisten können. Und die individuelle Freiheit dürfe auf keinen Fall durch Regelungen eingeschränkt werden. Aber im Strassenverkehr werden die Regeln nicht hinterfragt, und auch dort geht es im Extremfall um Leben und Tod. Wie hätte man wohl in den Achtzigern gehandelt, wenn damals schon der Umfang der Klimakrise bekannt gewesen wäre? Brauchen wir mehr Anlehnung an die Generationen vor uns? Lichtblicke gibt es auf den Klimademos: Bannersprüche wie Diese ,,Freiheit’’ tötet oder Unsere Zukunft statt eure Profite zeigen, dass sich der Neoliberalismus nicht in allen Köpfen der Welt eingenistet hat. 

Um die Katastrophe nicht noch weiter zu verschlimmern, ist ein noch nie dagewesener Verhaltenswandel vonnöten, der wohl kaum auf purer Freiwilligkeit basieren kann. Einfach wird er aber auch mit politischen Massnahmen nicht, sagt Max Lemmenmeier. Es greife auch eine soziale Problematik. Dass zum Beispiel das blosse, lineare Verteuern von Treibstoff ohne Rückverteilung der Einnahmen gesellschaftliche Probleme mit sich bringe, zeigten die Proteste der Gilets Jaunes in Frankreich. Aber als Historiker bleibt er zuversichtlich: Die Menschheit hat den existentiellen Kampf gegen die Pest gewonnen – dann könnte es auch beim Klima klappen. Und auch vergangene Jugendbewegungen haben Beachtliches erreicht. 

Simon Hotz, 18 Jahre alt, studiert Biochemie

Wenn Kooperation zur Pflicht wird: Es herrscht* Konsens.

Von wenigen installiert, von vielen weggewünscht, hält er sich bis jetzt wacker – würde es doch Konsens erfordern, ihn zu revidieren. Bevor es soweit kommen könnte, lohnt es sich, unsere Art der Entscheidungsfindung genauer zu untersuchen. Die hier eingebrachten Inputs sind eine Mischung aus Fachliteratur und Erfahrungen der UAG Konsens der AG Bildung in Zürich. 

Den Begriff des Konsens nutzen wir im Text so: Alle Mitglieder der Gruppe bringen ihre Bedürfnisse und Standpunkte klar zum Ausdruck, erkennen Gemeinsamkeiten und erarbeiten Lösungen für alle Bereiche, in denen Meinungsverschiedenheiten bestehen. Der erarbeitete Vorschlag wird von allen getragen, dh. von niemensch aktiv verhindert, also keine schwerwiegenden Einwände bestehen. 

Wir schreiben den 24. Februar 2019. Das blendende Gegenlicht der Sonne lässt den Plenarsaal der Kirchgemeinde Johannes mystisch wirken. Wir alle spüren, dass hier historisches geschehen wird. Geschehen muss, denn bis anhin hat das nationale Treffen wenig Konkretes gebracht – so zumindest die allgemeine Stimmung, wenn mensch sich unter den 250 anwesenden Klimastreikenden umhört. Drei Zeitungen und vier Filmteams dokumentieren alles und geben uns zu verstehen, dass die Welt zusieht.

Das jetzt startende Plenum ist das erste dieses Tages, das dritte des Treffens insgesamt. Die Erwartungen daran sind hoch, denn endlich, nachdem die Unterarbeitsgruppen brauchbare Vorschläge ausgetüftelt, die Arbeitsgruppen sie besprochen und konsensfähig geschliffen haben, nachdem alle ihre positiven und negativen Aspekte gesammelt und kommuniziert wurden, nachdem auch den letzten Teilnehmenden klar ist, dass die damit betrauten Personen sich lange den Kopf über die beste Lösung zerbrochen haben, nun endlich kann die vereinigte Klimastreikbewegung in der Schweiz unter Vertretung aller vier Landessprachen nach ihrem Konsens gefragt werden.

Für mich ist es das erste Mal, dass ich ein so grosses Plenum moderiere. Die Tage vorher habe ich vieles beobachtet, das nicht funktioniert hat, und hoffe, nicht alle Fehler zu wiederholen. Bevor wir beginnen, wird ein Eilantrag gestellt. «Wir würden für das nachfolgende Plenum gerne die hundertprozentige Zustimmung durch eine 90%-ige ersetzen.» Ich wiederhole den Antrag auf französisch. «Gibt es Fragen zu diesem Antrag?». Das Plenum murmelt, aber niemensch streckt auf. Ich höre mich sagen: «Besteht Konsens, dass wir unseren einstimmigen Konsens durch eine 90%-Mehrheit ersetzen?» Habe ich diese Frage genügend neutral formuliert? Darf ich als Moderator mitbestimmen? Ich würde diesen Antrag sofort ablehnen. Zum Glück kommt es nicht soweit, denn auf das Plenum ist Verlass: Viele Menschen verschränken die Hände. Antrag abgelehnt, es folgt der nächste. Ich werde unruhig, der Zeitplan ist straff. Eine Stimme: «Wir besprechen heute wichtige und vertrauliche Dinge. Die Medien sollen das Ergebnis erfahren, aber nicht die gesamte Diskussion. Ich beantrage, dass sie den Saal verlassen.» 

Dieser Antrag überrascht mich. Unser mehrstündiges Plenum soll also unter Ausschluss der Medien geschehen, obwohl wir selbst einen Live-Stream schicken? Ich gerate in Versuchung. Als Moderator kann ich jetzt beeinflussen, wie die Abstimmung ausgehen wird. Normalerweise sind die Spielregeln klar: Wir brauchen Konsens dafür, dass der Status Quo (Ist-Zustand) verändert werden darf. Herrscht kein Konsens, bleibt alles so, wie es war. Für unsere Bewegung heisst dies häufig: Es wurde noch keine Regelung definiert. Würde ich nun fragen: «Sind alle der Auffassung, dass die anwesenden Medienvertreter*innen den Saal jetzt verlassen müssen?», so hätten wir wenig Aussicht auf einen Konsens und die Medien hätten bleiben können – legitimiert durch den Dissens darüber, sie zum Gehen aufzufordern. Damit aber drängen sich zwei Probleme auf: Einerseits übergehen wir Individuen, die sich mit der Situation offensichtlich nicht wohlfühlen. Wenn das Plenum Rücksicht auf alle Teilnehmenden nimmt, darf dies nicht geschehen. Andererseits stellt sich die Frage, wer den Status Quo überhaupt definiert hat. In diesem Fall war es ein kleines Grüppchen von Organisierenden, das die Medien koordiniert und den Zugang – nach bestem Wissen und Gewissen – ermöglicht hat. Der Ist-Zustand ist somit nicht demokratisch legitimiert. Ich entschliesse mich deshalb dazu, das Plenum zu befragen: «Sind alle mit der Anwesenheit der Medienschaffenden einverstanden?». Es gibt vereinzelte Ablehnung. Mit Schweisstropfen auf der Stirn bitte ich die Medien, die Anweisung des Plenums zu beachten und den Saal zu verlassen. Danke für’s Verständnis.

Wir wenden uns dem geplanten Teil zu. Ich gebe mein Bestes, doch auch in diesem Plenum werden erstaunlich viele Punkte von erstaunlich wenigen Leuten abgelehnt. Aus Zeitgründen versuchen wir, die Plenumsdiskussion zu verhindern. Wir haben keine wirkliche Debatte. Die Ablehnungsgründe sind der zuständigen Arbeitsgruppe nach dem Plenum mitzuteilen. Viele sind enttäuscht, das Suchen nach Konsens entmutigt. Die Sonne ist weitergewandert und wir sitzen im Schatten. Bei vielen offenen Fragen haben wir uns zu keinem Vorschlag entscheiden können.

Die Voraussetzungen des Konsens’

Szenenwechsel in das vorherrschende Entscheidungssystem. Die halbdirekte Demokratie der Schweiz basiert auf dem Mehrheitsentscheid der stimmberechtigten Bevölkerung. Nicht stimmberechtigt sind Leute ohne Schweizer Pass (knapp 25% der hier lebenden Bevölkerung), Menschen unter 18 (20%) sowie nicht mündige Personen. Ein grosser Teil der Bevölkerung darf also nicht mitentscheiden. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern können wir dafür zumindest eigenständig Initiativen und Referneden einreichen und über deren Ausgang bestimmen. Alle Schweizer*innen erhalten so das Recht, “Ja” oder “Nein” zu einem ausformulierten Gesetzesvorschlag kundzutun. 

Um zu einem Urteil zu gelangen, informieren sich die Abstimmenden über die Medien; (die vierte Gewalt), über Werbung (die inoffizielle fünfte Gewalt) und über ihr Umfeld. Heute funktionieren Medien und Werbung sehr machtkonzentriert – wer Geld hat, bestimmt die öffentliche Wahrnehmung. Bei der Abstimmung selbst werden die Vorschläge der Mehrheit angenommen. Abstimmen bedeutet dabei zwangsläufig, dass es Gewinnende und Verlierende gibt. Angstschürende Argumente wie die Gefährdung der Arbeitsplatzsicherheit können nicht in progressive Vorschläge integriert werden, sondern werden als Gegensatz wahrgenommen. Die Bedenken der Minderheit werden ignoriert und sie wird dazu gezwungen, bei etwas mitzumachen, mit dem sie nicht einverstanden ist. Die Resignation der Massen ist eine naheliegende Konsequenz – die Stimmbeteiligung auf nationaler Ebene lag während der letzten vier Jahre zwischen 42.8% und 49.6%.

Den absoluten Grossteil der Entscheide treffen derweil gar nicht die Stimmenden selbst: Es ist in der repräsentativen Demokratie nicht vorgesehen, dass sich die Bevölkerung intensiv mit politischen Fragen auseinandersetzt. Wir geben unsere Macht an eine kleine Elite ab, die häufig grundlegend andere Interessen verfolgt. Sie wollen wiedergewählt werden – was in kurzfristigem Denken und Handeln resultiert. Auch begünstigt es populäre Vorlagen. Wichtige, aber komplexe Themen wie die Klimakrise werden vernachlässigt. Solange es unpopulär ist, von Konsumverzicht zu sprechen, wird auch kein*e Politiker*in Vorstösse in diese Richtung bringen, obwohl vielen bewusst ist, dass genau dies geschehen müsste.
Die vorherrschenden Machtkonzentrationen und Funktionsweisen der Entscheidungsfindung haben die missliche Lage unseres Planeten zu einem grossen Teil zu verantworten. Der Konsens zielt darauf ab, allen Menschen das Recht zur Gestaltung ihrer gemeinsamen Zukunft zuzusprechen.

Damit Konsens funktionieren kann, müssen von der beteiligten Menschengruppe jedoch gewisse Voraussetzungen angestrebt werden.  

Unumgänglich ist das Definieren von gemeinsamen Zielen. Erst dann kann sich jedes Gruppenmitglied sicher sein, dass alle in dieselbe Richtung steuern und es kann Vertrauen innerhalb der Gruppe entstehen. Ziele können sich ständig wandeln und weiterentwickeln, aber die aktuellen Ziele bilden die Basis für den anstehenden Konsensprozess. Für die gesamte Bewegung können das Dinge wie gemeinsame Visionen einer besseren Welt, netto.null bis 2030 oder eine nachhaltige Bewegung sein, für eine AG entsprechend konkreter, z.B. das Gestalten der medialen Wahrnehmung und die Bewusstseinserhöhung in der breiten Bevölkerung. Auch das Einlassen auf eine gemeinsame Wahrnehmung und Analyse der Realität ist entscheidend. Dabei muss die Wahrnehmung nicht für alle exakt gleich sein, sondern es müssen alle verschiedenen Perspektiven wahrgenommen und verstanden werden. Verwendete Begriffe im Vorfeld zu klären hilft, dass alle vom selben sprechen. 

Jede*r muss bereit sein, den Konsens wirklich finden zu wollen. Es ist unabdingbar, allen Teilnehmenden aufrichtig zuzuhören und offen zu sein für alternative Lösungen. Auch die eigene Position darf nur als eine unter vielen wahrgenommen werden. Anstelle von Überzeugungsarbeit ist Informationsarbeit wichtig: Erst wenn alle über alle relevanten Informationen verfügen, kann ein kreativer, breit gestützter Vorschlag entstehen, der nicht primär den Interessen einzelner, sondern der Gruppe dient. Aktuell haben nur ganz wenige Menschen diesen Überblick in unserer Bewegung, das ist fatal. Um gegenseitiges Vertrauen ermöglichen zu können, müssen wir offen über alle Interessen, Bedürfnisse und Gefühle sprechen. Wenn jemensch Angst hat, dass andere nicht mit offenen Karten spielen, wird dieser Mensch selbst defensiv und mistrausch werden. Misstrauen abzubauen und andere nicht als Konkurrent*innen wahrzunehmen ist also zentral.

Konsensfindung braucht Zeit. Erfahrungen in diesem Prozess werden uns helfen, schneller voranzukommen. Aber Zuhören, Argumente abwägen und gemeinsames Verstehen kann und darf nicht zu sehr beschleunigt werden. Umso wichtiger wird es sein, sich intelligent aufzuteilen: Es können beispielsweise mehrere Plenen parallel stattfinden (AG-Plenen), welche nur ihre grundsätzlichen Ziele im grossen Plenum zu legitimieren hätten, und ihre Arbeitsschritte selbst definieren. Dafür müssen wir einen gemeinsamen Konsens-Prozesses entwickeln, welcher für alle transparent ist und von allen getragen und weiterentwickelt werden kann. So ist klar, in welcher Gruppe welche Entscheidungen getroffen werden, formelle und informelle Hierarchien werden abgebaut und die Gruppen können sich leichter gegenseitig vertrauen. Auch für neue Mitglieder wird es so leichter zu verstehen, wie Entscheidungen gefällt werden.

Eine gute Plenumsmoderation muss die verschiedenen Bedürfnisse der Gruppe wahrnehmen, daraus Synthesen bilden und alle Teilnehmenden auf der Suche nach der gemeinsamen Lösung unterstützen. In grösseren Plenen macht es Sinn, diese Aufgaben auf verschiedene Personen zu verteilen und es ist wichtig, dass immer wieder andere Personen diese Rolle übernehmen und sich tief in den Konsensprozess einarbeiten.

Auch müssen wir am Verständnis von schwerwiegenden Einwänden arbeiten. Es ist zentral, dass eine einzelne Person das Recht hat, eine Gruppe zu blockieren, weil nur so sichergestellt werden kann, dass Minderheiten nicht übergangen werden. Aber es muss auch klar sein, dass es dabei nicht um persönliche Präferenzen gehen kann. Blockieren ist nur dann legitim, wenn die Gruppe ihre eigenen Ziele gefährdet oder wesentliche Chancen zur Zielerreichung nicht genutzt werden. Lässt sich eine Person (z.B. ein*e Erdöllobbiist*in) gar nicht auf diese gemeinsamen Ziele ein, hat sie auch kein Recht, am Entscheidungsfindungsprozess mitzuarbeiten, weil die gemeinsamen Ziele fehlen. Die Person wird sich nicht verstecken können und sich einer ehrlichen Diskussion stellen müssen, was bei einem Prozess mit qualifizierten Mehrheiten (selbst bei 99%) nicht gegeben wäre. Eine schleichende Unterwanderung und manipulatives Streuen von Misstrauen kann so präventiv verhindert werden.

Heute scheinen viele dieser Voraussetzungen höchstens teilweise erfüllt, wenn auch überall hoffnungsbringende Ansätze erkennbar sind. Gleichzeitig ist das Übernehmen der vorherrschenden politischen Prozesse nicht erfolgversprechend. Wir sollten also die Voraussetzungen für Konsens verbessern, insbesondere durch mehr Wissen, dem gemeinsamen Entwickeln von klaren Prozessen und bewusstem Vertrauensaufbau. So schaffen wir als Bewegung die Voraussetzung, nicht alle Schwächen der jetzigen Ordnung zu reproduzieren. Wir entwickeln jene Grundlagen, die eine nachhaltige und gerechtere Gesellschaft überhaupt erst möglich macht.

Patricia Kudrnac, Jann Kessler, Linus Stampfli und Fabian Dali

Wie weiter?

Ein halbes Jahr ist vergangen seit der ersten Massenaktion in der Schweiz. In den ersten Monaten des Klimastreiks durfte man sich noch zu Recht fragen, ob dieser nicht einfach eine weitere Eintagesfliege bleiben wird. Rasch ist die Bewegung jedoch gewachsen, hat effektive Strukturen gebildet und konnte sich mehr oder weniger in den Medien halten. Zuletzt zeigte die Bewegung auch Wirkung auf die staatlich-institutionalisierte Politik: Unter anderem im Kanton Luzern, Basel und Zürich. Inzwischen ist also klar: Der erste Tag ist überstanden, die erste Phase abgeschlossen. Der Klimastreik lebt.

Die Ziele, die der Klimastreik in der Schweiz verfolgt, sind klar: Mit unseren drei Forderungen und unserer Klausel zielen wir auf einen sozialverträglichen Stopp des Klimawandels. Demgegenüber bleibt offen, wie wir unsere Ziele überhaupt erreichen sollen. Es stellt sich daher zunehmend die Frage: Und nun, wie weiter?

Zuallererst einmal, um was geht es bei der Frage überhaupt? Der Klimastreik lebt also und die Forderungen sind klar. Was demgegenüber beim «Wie weiter» interessiert, ist wie wir als Bewegung strategisch vorgehen sollten, um unserer Ziele zu erreichen; daran anschliessend, welche die richtigen Taktiken sind und daran wiederum was du und ich nun tun sollten. Kurz; was zu tun ist, um effektiv zu sein. Als Bewegung und als Individuum; kurz-, mittel- und langfristig; taktisch und vor allem strategisch.

Taktiken hat der Klimastreik inzwischen einige entwickelt und von anderen Bewegungen übernommen (Siehe S.8/9). Darüber hinaus lassen sich leicht weitere finden bspw. auf der Global Nonviolent Action Database. Im Gegensatz zu Taktiken fehlt dem Klimastreik jedoch eine Strategie, die alle Tätigkeiten auf ein Ziel, einen kritischen Punkt in der vorherrschenden Gesellschaft richtet, um diese zu verändern. In welchem Verhältnis stehen die Strategie und Taktiken? Eine Strategie hat was von einem roten Faden von der Ausgangslage A zum Ziel B. Dieser rote Faden besteht aus vielen kleinen Fasern, eben den Taktiken und Einzel-Konzepten. Der Klimastreik hat inzwischen eine Sammlung von solchen Fasern, ist aber noch weit davon entfernt, zwischen den einzelnen Fasern auszuwählen, sie gezielt zu nutzen und zu einem gerichteten roten Faden zusammenzubringen.

Welche Möglichkeiten gibts denn? Wie würde eine umfassende Strategie konkret aussehen? Wenn wir mal in der Weltgeschichte umherschauen, zeigen sich zumindest ein paar Strategien. Die naheliegendste (da lauthals beschworene) wäre die Veränderung des individuellen Konsumverhaltens und damit des Angebots und der Produktion. Die Konsumierenden haben aber schlicht nicht die Macht über die Wirtschaft. Unter den ernst zu nehmenden Strategien zielt der Grossteil auf den Staat und die institutionalisierte Politik. Erstens können wir Druck von Aussen üben, um die Entscheidungen zu beeinflussen. Zweitens könnten wir versuchen, selbst Teil der institutionalisierten Politik zu werden, sprich eine Partei werden oder Initiativen lancieren. Drittens gibt es die Möglichkeit eines Umsturzes. Von diesen dreien sind die letzten zwei aber doch wenig prickelnd. Sie entsprechen weder dem Klimastreik, noch sind sie in brauchbarer Frist erfolgversprechend. Neben dem Fokus auf das individuelle Verhalten und umgekehrt die staatliche Politik gibt es noch eine fünfte Möglichkeit: Parallelstrukturen und Alternativen aufzubauen. Neben diesen fünf Proto-Strategien, von denen für den Klimastreik ja eigentlich bloss zwei interessant sind (Druck ausüben und Alternativen aufbauen), gibt es sicherlich noch andere, die wir aktiv suchen sollten. Diese fünf decken aber den Grossteil des bisher Diskutierten ab.

Viel mehr als Proto-Strategien sind sie jedoch noch nicht. Wie kommen wir nun zu einem roten Faden, zu einer kohärenten Strategie, die konkreter wird? Eine Methode zur Strategieentwicklung wäre hilfreich. Im Rahmen der Vorbereitungen zum letzten nationalen Treffen haben einige der Beteiligten bereits die SWOT-Analyse kennengelernt. Im Wesentlichen wird bei dieser zu Beginn das Ziel definiert, nach der Ausgangslage und der Strategie gefragt, zwischen dem Subjekt und dem Umfeld unterschieden und das Ganze dann mit Blick auf die Akteur*Innen detaillierter betrachtet. Im Kern stellt sie eine Zergliederung und Zusammenstellung von Fragestellungen und Untersuchungsgegenständen dar – das Prinzip einer Analyse. Bereits mit einer solchen Zusammenstellung von einigen differenzierten Fragen und Aspekten wie bei der SWOT-Analyse kommt man relativ weit. 

Übernehmen wir diese Methode in rudimentärer Form einmal. Wir unterscheiden also zwischen der Ausgangslage, dem Ziel und der Strategie; und im Rahmen der Ausgangslage zwischen dem Subjekt (dem Klimastreik) und dem Umfeld. In welchem Verhältnis stehen die drei Aspekte in einer Analyse? Am Ende der Strategieentwicklung stehen die sie in einem ähnlichen Verhältnis zueinander wie der Startpunkt, das Ziel und der Weg einer Wanderung. Zu Beginn der Entwicklung einer Strategie ist jedoch weder klar, wie die Ausgangslage aussieht – denn ich weiss noch gar nicht, auf was achten – noch wie das Ziel aussieht – da es mehrere mögliche gibt und ich ohne Strategie noch gar nicht weiss, welches Ziel ich am einfachsten erreiche. Die Ausgangslage, das Ziel und die Strategie können daher bloss wechselseitig bestimmt und entwickelt werden. Irgendwo muss man daher beginnen und das Folgende kann nicht mehr darstellen als ein Startpunkt für die kritische Weiterentwicklung.

Machen wir also noch einen Schnelldurchlauf. Was haben wir schon? Aufgrund der Überlegungen oben können wir von zwei Proto-Strategien ausgehen, die zur Auswahl stehen: Druck ausüben und (systemische) Alternativen aufbauen. Wie steht es um die Ausgangslage und das Ziel?

Zur Ausgangslage mit Blick auf die wichtigsten Ressourcen – let’s say Wissen/Ideologie, Strukturen, Aktive, Netzwerke/Kontakte, Image und Geld: Aufgrund der sozio-ökonomischen Position der Aktiven – als Bildungsbürgertum – haben wir einen guten Zugang zu Wissen, entscheidenden sozialen Netzwerken und Geld. Unsere Struktur hat dabei was von anarcho-syndikalistischen Organisationen – was durchaus gut ist: Hierarchien werden bekämpft und die kleineren Organe sind relativ autonom, was uns agil macht. Unser Image wiederum ist bei einem Grossteil der Bevölkerung wahrscheinlich eines von harmlosen Gymischüler*Innen, die es bloss gut meinen – was immerhin verunmöglicht, uns an den gesellschaftlichen und politischen Rand zu drängen. Einzig bei den Aktiven hapert es. Wir sind alles andere als wenige, sind aber auf das Bildungsbürgertum beschränkt. Mit Blick auf unsere Ressourcen stehen wir alles in allem aber gut da. 

Unsere Herausforderung ergibt sich dementsprechend weniger dadurch, dass wir schlecht ausgerüstet sind, sondern dadurch, dass wir vor der Eigernordwand stehen. Denn wie sehen die Machtverhältnisse zwischen uns und den Instanzen aus, die zentral für eine Veränderung wären? Diese Instanzen sind zum einen sicherlich die Wirtschaft, zum anderen die Politik und der Staat. Nun, die Politik ist eingefahren in ein Links-Rechts-Schema und Strömungstraditionen, die Veränderungen kaum zulassen. In der Wirtschaft wiederum gilt, Geld ist Macht. Sprich wir haben kaum Macht über die Wirtschaft. Zumindest auf einen dieser beiden trägen Kolosse sind wir aber (scheinbar) angewiesen, um  etwas zu verändern. Wenn wir sie nicht umgehen wollen/können, müssen wir demnach an kritischen Punkten ansetzen, die uns ermöglichen mit wenig Kraftaufwand viel Wirkung zu erzielen.

Aber noch zum Ziel: Gerade bei der Entwicklung einer Strategie kann es sinnvoll sein, das Ziel in konkrete Umsetzungspläne zu übersetzen. Das ermöglicht die Strategie gewissermassen rückwärts vom Ziel her zu entwickeln. Zwei Formen von Umsetzungsplänen sind aufgrund der Proto-Strategien offensichtlich: Erstens die Zusammenstellung von Gesetzesvorschlägen und Massnahmen und zweitens der Aufbau von Alternativsystemen und Parallelstrukturen, die die jetzige Politik und Wirtschaft einfach umgehen und in die Irrelevanz verdrängen. Eine mögliche Zusammenstellung von Gesetzesvorschlägen bietet die Klimaallianz oder Matthias Kern im Artikel Ökologie: Was soll der Klimastreik fordern und welche Lösungsansätze muss er bieten?; ein Überblick über unterschiedliche Ansätze zu alternativen Wirtschaftssystemen bietet Gisela Notz’s Theorien alternativen Wirtschaftens; und eine Möglichkeit einer Parallelstruktur zur vorherrschenden Politik stellen Bürger*Innenversammlungen dar – wie das Memorial von Uster 1830, das den modernen Kanton Zürich ermöglichte – eingefasst in konförderale Strukturen – Strukturen wie sie der CNT in Spanien kennt.

Tragen wir alles einmal zu einem provisorischen Vorschlag einer Strategie zusammen: Im Prinzip widersprechen sich Druck und Alternativen aufbauen nicht –  fahren wir doch also zweigleisig. Durch das Aufbauen von Alternativsystemen umschiffen wir die beiden Kolosse und setzen zugleich noch mehr Druck auf. Das funktioniert wahrscheinlich am effektivsten, wenn wir schlicht die Politik ersetzen d.h. alternative Entscheidungsprozesse für die Gesellschaft aufbauen. Wir würden uns beim Aufbauen von Alternativen also zuerst auf das Wirtschaftssystem sowie die Politik konzentrieren. Beim Druck aufsetzen gilt es wiederum, eine Drohkulisse aufzubauen – und hin und wieder tatsächlich dorthin zu zielen, wo’s weh tut bzw. mühsam ist. Die Streiks sind ein gutes Beispiel für eine Taktik, die Druck aufbaut. Bei einer Aktion aber, die weder eine bedrohliche Kulisse aufbaut, noch die Politiker*Innen zumindest mittelbar in Bedrängnis bringt, muss man sich also fragen, ob eine andere nicht geeigneter wäre. Unabhängig davon welche Strategie wir wählen, kann es Sinn machen, sich als Produktionsstätte der eigenen Ressourcen zu verstehen und diese dementsprechend stets zu erweitern, um als Bewegung aus unseren kleinen Möglichkeiten grosse zu machen. Soviel dazu, soviel zur Strategie. 

Und nun, wie weiter? Klar ist, dass ein paar Zeilen von Einzelpersonen niemals ausreichen werden, um Grundsatzfragen zu klären. Wir müssen gemeinsam und wesentlich differenzierter an die Frage herangehen. Der Text zum Konsensprinzip behandelt den gemeinsamen Entscheidungsprozess. National und in einigen Regionen gibt es die Arbeitsgruppen «Education and Values» und «Strategy and future». Genauso wie es einen Entscheidungsprozess und solche Räume und Strukturen braucht, die die Arbeit an solchen Fragen erst ermöglichen, braucht es in Zukunft auch eine Koordination der inhaltlichen Arbeit am «wie weiter?»; und damit so etwas wie ein bewegungsinternes Forschungsprogramm, das die Frage wirklich zu beantworten vermag.

Diego Gehrig

Internationale News

Eine globale Bewegung  

Die Klimastreiks haben bekanntlich nicht in der Schweiz begonnen, sondern in Schweden mit Greta Thunberg. Bereits im August 2018 streikte sie. Die eigentliche Bewegung war aber von Beginn an international. Einzelne Schüler*innen in anderen europäischen Ländern taten es ihr in den folgenden Monaten schon bald gleich und traten freitags in den Schulstreik. Kurz vor der Weltklimakonferenz in Katowice (COP24) im Dezember erreichte die internationale Klimabewegung die Nachricht, dass in Australien mehr als 15’000 Schüler*innen für das Klima gestreikt hatten. Der Verlauf der nächsten Wochen lässt sich mithilfe der sozialen Medien rekonstruieren: Greta hielt eine – mittlerweile weltweit bekannte – Rede an der COP24. Eine Woche später waren hunderte Schüler*innen und Student*innen in Zürich und deutschen Städten auf der Strasse. Seit Anfang diesen Jahres stehen Mitglieder des Klimastreiks in der Schweiz nun im ständigen Kontakt mit Klimastreikenden aus der ganzen Welt – zum grössten Teil in mehrstündigen Videokonferenzen mit mehreren dutzend Teilnehmenden. Jede Woche kamen und kommen immer mehr neue Länder dazu. Die meisten Klimastreikenden konnten jedoch nicht von Beginn an auf die Unterstützung von ihren Mitschüler*innen zählen und streikten oftmals wochenlang alleine. Zum Teil braucht dies viel Mut, da viele dieser Jugendliche in Ländern leben, in denen politischer Protest massiv unterdrückt wird. 

Der erste globale Klimastreik 

Bereits bevor der Klimastreik in der Schweiz Fuss fasste, wurde der globale Streiktag am 15. März ausgerufen. Lange schien es, dass einige tausend Klimastreikende in ein paar dutzend Ländern diesem Aufruf folgen würden. Es kam dann anders: Der 15. März wurde zum grössten global koordinierten Protest für den Klimaschutz in der Geschichte. Gemäss fridaysforfuture.org beteiligten sich über 1.8 Millionen Teilnehmenden, in 131 Ländern an 2366 Orten auf allen Kontinenten – inklusive der Antarktis. Niemand hatte mit einer solch starken Antwort auf die internationale Klimapolitik gerechnet. Das Beeindruckende dabei: Die Proteste entstanden nicht auf Anweisung einer Gruppe oder eines Gremiums, sondern durch die eigenständige Initiative tausender Schüler*innen in allen Ecken des Globus. Dabei äusserten sich die Streiks an allen Orten verschieden. In Australien war der Fokus beispielsweise auf die geplante Adani Kohlemine gerichtet und in Kanada standen die Teersände und Erdölpipelines im Vordergrund. Während die Klimastreiks in ihrem Inhalt divers sind, ist das Ziel das gleiche: Die Überwindung der Klimakrise. 

Erstes Treffen des europäischen Klimastreiks 

Inzwischen haben sich Mitglieder des Klimastreiks in Europa mehrmals getroffen und standen im persönlichen Kontakt. So haben der Pariser, Berliner und Brüsseler Klimastreik Klimaaktivist*innen aus anderen Ländern eingeladen – unter anderem auch Personen aus der Schweiz. Die grösste Zusammenkunft bis jetzt fand am 12. und 13. März in Strassburg statt. Drei Fraktionen des Europäischen Parlaments (S&D, GREENS/EFA, GUE/NGL) hatten 60 Klimastreikende aus 20 Ländern in das Europäische Parlament eingeladen. Wir nutzten diese Chance und schafften die Basis für eine europäische Klimastreik-Bewegung. Unser Treffen beinhaltete eine achtstündige Sitzung, in welcher wir unsere grundlegenden Werte und unsere weitere Zusammenarbeit definieren konnten. Des Weiteren hatten wir die Chance, diese drei politischen Fraktionen zu treffen und mit ihnen eine Debatte zur Klimapolitik der EU zu führen. Am nächsten Tag wohnten wir der Debatte zum Klimawandel (offizieller Titel) im Europäischen Parlament bei. Ursprünglich planten wir, die Ausgänge des Plenarsaals nach Ende der Debatte zu blockieren. Diese Pläne haben wir aber verworfen, da während der Debatte so gut wie keine Parlamentarier*innen im Plenarsaal anwesend waren. Erneut wurde deutlich: Die EU-Politiker*innen haben definitiv noch nicht die Dringlichkeit der Klimakrise begriffen. 

International weiter 

Die Klimastreik-Bewegung zeigt, dass die Klimakrise nur global überwunden werden kann. Die Treibhausgase machen keinen Halt vor Landesgrenzen. Wieso also sollte unser Aktivismus nicht auch darüber hinaus gehen. So sind die nächsten Aktionen des internationalen Klimastreiks bereits in Planung. Der 24. Mai markiert den zweiten global-koordinierten Klimastreik. Die nordamerikanischen Klimastreiks gingen bereits am 3. Mai auf die Strasse. 

Internationaler Klimastreik in Aachen 

Fridays For Future Aachen hat im Zuge der intersessionalen Klimakonferenz in Bonn am 21. Juni zu einer zentralen Demonstration in Aachen aufgerufen unter dem Motto: “Climate Justice Without Borders – United for A Future”. Bisher haben sich Klimastreikende aus zehn Ländern angemeldet. Interessierte Klimastreikende aus der Schweiz können sich unter centralstrike@climatestrike.ch melden. Die Hinfahrt ist am Donnerstagabend, dem 20. Juni, und die Rückfahrt am Sonntag, dem 23. Juni. 

Sommertreffen in Lausanne 

Der europäische Klimastreik macht auch während den Sommerferien keine Pause. In Lausanne wird vom 5. August bis 9. August ein paneuropäisches Treffen mit 400 Klimastreikenden aus über 30 Ländern stattfinden. Am letzten Tag, dem Neunten, rufen wir zu einem zentralen internationalen Klimastreik in Lausanne auf. Die Demonstration beginnt um 15:00 auf dem Place de la Gare, Lausanne. Informationen zur Anreise aus anderen Schweizer Städten werden folgen. 

Earthstrike am 27. September 

Am 27. September folgt dann der nächste Höhepunkt der internationalen Streik-Bewegung: Wir rufen zum globalen Klima-Generalstreik auf, dem sogenannten “Earth Strike”. In den nächsten Monaten werden viele weitere Informationen zu diesem Tag folgen. Die Chancen auf einen Streik, an dem sich auch die Arbeiter*innenschaft beteiligt, stehen nicht schlecht. Der internationale Gewerschaftsbund (ITUC) hat in Brüssel bereits zu Klimastreiks aufgerufen. 

Jonas Kampus

Der Kampf gegen die Klimakrise ist feministisch!

Wieso Frauen* fürs Klima streiken sollten, ist offensichtlich: Die Klimakrise verstärkt bestehende Ungleichheiten – vor allem wirtschaftliche – und Frauen* machen weltweit 70% der armen Bevölkerung aus. Diejenigen, die die Klimakrise am härtesten trifft, sind also Frauen* im globalen Süden. Weil überlebenswichtige Ressourcen teuer werden. Aber auch weil 14-jährige Mädchen in Malawi zwangsverheiratet werden, denn Wetterextreme führen zu Ernteverlusten und diese dazu, dass kaum Geld da ist, um alle Kinder zu ernähren [Quelle 1]; weil bei einem Tsunami in Südostasien vier mal so viele Frauen* sterben wie Männer*, denn sie können seltener schwimmen oder sind auf der Flucht für Kinder und ältere Familienmitglieder verantwortlich. [Quelle 2]

Wieso Klimaschützer*innen für feministische Anliegen streiken sollen, scheint weniger klar, ist aber simpel: Zahlreiche tragende Akteur*innen unserer Bewegung sind Frauen*. Und weil auch die Klimastreik-Bewegung genderspezifische Normen reproduziert, gibt es Männer*, die in Diskussionen viel Raum einnehmen und Frauen* sowie schüchterne Menschen unterbrechen; räumen nach Meetings vor allem Frauen* auf und sind tendenziell Männer* am Megafon. Daran arbeiten wir als Bewegung bereits – das ist feministische Arbeit. 

Weiter lautet die zweite Forderung des Klimastreiks “Klimagerechtigkeit”, was bedeutet, dass die durch die Klimakrise verstärkten Ungleichheiten abgefangen werden sollen – Intersektionaler Feminismus macht genau das; Ungleichheiten zusammen denken und dagegen kämpfen.

Beinahe die wichtigste Erkenntnis ist, dass Frauen* und die Umwelt in unserem System den gleichen Ausbeutungsmechanismen unterliegen: Das Bruttoinlandprodukt belohnt Umweltschäden und ignoriert unbezahlte Care-Arbeit. Eine Stärkung der Care-Arbeit ist auch im Sinne des Klimastreiks, denn Care- ist besonders klimaschonende Arbeit.

Daraus lassen sich gemeinsame Forderungen ableiten: Zum Beispiel sollte das BIP zur Messung von Erfolg und Wohlstand eines Landes ersetzt werden durch etwas, das eine lebenstaugliche und lebenswerte Welt schafft. Oder: Eine radikale Arbeitszeitverkürzung führt zu besseren Arbeitsbedingungen, einer gerechteren Aufteilung von Care-Arbeit und geringerer Produktion von überflüssigen Gütern.

Klimastreikende sollten also, wenn nicht aus solidarischen Gründen, dann zumindest aus taktischen, den Frauen*streik unterstützen. Nur gemeinsam können wir die vorherrschende Politik, sowie das Produktions- und Verteilungssystem unter Druck setzen, und je mehr wir sind, desto lauter unsere Stimme. Noch lieber möchte ich aber sagen können: Wir Klimastreikenden streiken auch für feministische Anliegen, denn wir fordern nicht bloss eine lebenstaugliche, sondern auch eine lebenswerte Welt.

Cybel Dickson