Der Klimastreik: Eine Jugendbewegung?

Im Zusammenhang mit dem Klimastreik wird oft das Wort Jugendbewegung verwendet, doch was bedeutet das genau? Unsere Reporter Simon Hotz und Zaccaria Al-Fatlawi haben sich in einer kritischen Betrachtung der sozialen Zusammensetzung der Bewegung genauer mit dieser Frage auseinandergesetzt.

Die Vorhänge werden zugezogen, die Blicke richten sich träge nach vorne: «Danke, dass ihr alle so zahlreich erschienen seid. Wir würden mal mit dem Rückblick auf die letzte Demo beginnen.»

Wir befinden uns in einem Hörsaal der Universität Zürich. Hier findet keine Vorlesung statt, sondern die Sitzung des Organisationskomitees des Klimastreiks Zürich. Auf der Leinwand ist eine Traktandenliste projiziert. Im Raum sitzen etwa dreissig Jugendliche – einige davon besuchen noch die Sekundarschule, andere absolvieren ein Studium. Anfangs wird noch getuschelt – die erste Person erhebt die Hand und es wird still. Sie spricht, während weitere Hände in die Höhe schnellen, mit Händeschütteln ihre Zustimmung kundgeben oder mit Fingerzeichen eine selbstständige Rednerliste führen. In der Runde erblickt man verschiedene Gesichter; verschiedene Menschen mit verschiedenen Hintergründen. Diese Jugendlichen eint die Sorge um unseren Planeten und der Wunsch – nein, der Drang nach einer besseren, sozialeren und ökologischeren Zukunft.

Jugendliche im Klimastreik

Man kann den Klimastreik als eine Jugendbewegung begreifen – nur schon, weil das Thema Klimakrise Jugendliche direkt betrifft. Heute werden jene Entscheidungen getroffen, welche ihre Zukunft bestimmen werden. Streiks sind jedoch traditionell ein Druckmittel im Arbeitskampf, um durch kollektive Verletzung der Arbeitspflicht ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Worin liegt also der Sinn im Schulstreik unter Jugendlichen? Paula Schmid, eine Klimastreikende und Sekundarschülerin, die ebenfalls an der Sitzung teilnimmt, meint: «Die Streiks sind quasi unser einziges Mittel, womit wir Aufmerksamkeit erregen können: indem wir die Schule schwänzen.»

Im März erstellten zwei Klimastreikende eine Umfrage mit 975 Teilnehmenden, die intern und über den Instagram-Kanal der Klimastreikbewegegung verbreitet wurde. Die Umfrage zeigt deutlich: Der Grossteil der Klimastreikenden ist minderjährig. Sie werden vom Schweizer Stimmrecht als unmündige Bürger*innen angesehen und haben somit kein politisches Mitbestimmungsrecht. Das Paradoxon der (Klima-)Politik zeichnet sich ab: Erwachsene treffen Entscheidungen, welche die Jugendlichen später ausbaden müssen.

Grafik 1

Trotz der hohen Anzahl Jugendlichen sind Sekundarschüler*innen wie Paula und Lernende dennoch in der Minderheit. Werden Gymnasiast*innen und Studierende eher bezüglich Klima und Umwelt sensibilisiert und profitieren von mehr Bildung in dieser Thematik? Ist der Klimastreik gar eine Bewegung der «Bildungselite»?

Zu elitär?

Es ist wichtig die Frage des Elitarismus zu stellen; gerade, weil der Klimastreik sich darum bemüht, pluralistisch zu sein. Dabei gilt es, die internen Strukturen und Mechanismen des Klimastreiks zu hinterfragen und Lösungen auszuarbeiten. Wenn man sich die Zusammensetzung der Jugendlichen anschaut, wird man feststellen: Die Streikenden sind zu einem erheblichen Teil hellhäutige, westeuropäische Gymnasiast*innen und Studierende. Ebenfalls zeigen die Genderwatch-Protokolle, die an den Sitzungen erstellt werden, dass Männer im Vergleich zu Frauen öfter und länger sprechen. Der Klimastreik hat damit begonnen, solche Ungleichheiten aktiv zu bekämpfen, indem beispielsweise ebensolche Genderwatch-Protokolle geführt werden und Frauen – unpaternalistisch – dazu ermutigt werden, sich stärker einzubringen. Auch hat sich eine eigene Arbeitsgruppe gebildet, die Lösungen zur Inklusion ausarbeitet.

Obschon der Klimastreik strukturelle Probleme aufweist, ist es doch gerade die Stärke einer Jugendbewegung, diese Probleme zu lösen. Idealistisch, frech und noch nicht der Routine des Lebens verfallen, ist die Jugend weniger anfällig für veraltete Denkmuster. Diese Stärke kann ganz bewusst vom Klimastreik genutzt werden: Herrschende Hegemonien müssen hinterfragt und damit einhergehend auch neue pluralistische Ansätze erdacht und angewendet werden. Da sind die wissenschaftlichen Facts, auf die sich die Bewegung so erpicht stützt, der IPCC Bericht: Wer ihn schon mal überflogen hat, wird schnell feststellen, dass der Bericht nicht für Laien geschrieben wurde. Wenn die Bewältigung der Klimakrise alle Menschen betrifft, soll die Begründung dafür auch für alle Menschen verständlich und nicht hinter komplexen Fachwörtern und Diagrammen versteckt sein.

Jugendbewegung – international

Anders als in der Schweiz begann in Grossbritannien die Bewegung nicht mit Gymnasiast*innen oder Studierenden, sondern mit einem Elfjährigen und zwei Neunjährigen. Diese drei Kinder – Finlay, Ella und Megan – haben die ersten Streiks in Schottland gestartet, möglicherweise sogar die ersten in ganz Grossbritannien. Mitte Dezember fand ihr erster Streik statt: zu dritt. Seither haben sie jeden Freitag gestreikt, und viele Gruppen haben sich angeschlossen. So gelang es dem Youth Strike for Climate (Klimastreikbewegung in Grossbritannien), ein massives Momentum aufzubauen, bis zur Ausrufung des nationalen Klimanotstandes.

Wie viele andere Jugendliche auch, steht Finlay der momentanen Politik sehr kritisch gegenüber. Politiker tendierten dazu, kurzfristig zu denken, und arbeiteten in vier bis fünfjährigen Wahlperioden: «Den Politikern fehlt der politische Wille, um die Klimakrise anzugehen. Sie schieben das Problem lieber weiter vor sich hin.»

Vielleicht sind es deshalb die Jugendlichen, die sich jetzt erheben. Weil sie genug haben von Politikern, die kurzfristig denken. Weil sie den nötigen Weitblick haben, die nötige Kraft und die nötige Prise Idealismus. Und sie haben es satt, bevormundet zu werden von den Erwachsenen – von der alten Generation, die auf Kosten der nächsten gelebt hat. Jugendliche seien sich eher der Notwendigkeit einer nachhaltigen Zukunft bewusst, denkt Finlay. Sie sähen die Dringlichkeit, jetzt zu handeln, um diese Zukunft zu beschützen und zu erreichen. «Jugendliche haben den Glauben, dass Dinge anders getan werden können. Sie haben eine klare Auffassung, was möglich wäre, und akzeptieren die Notwendigkeit von Veränderung.»

Autor: Zaccaria Al-Fatlawi, 19, ist Mitglied der JUSO und im Klimastreik in verschiedenen Schreibgruppen aktiv.


Generationenübergreifende Unterstützung?

Für viele Entscheidungstragende aus der älteren Generation stellt sich die Klimafrage kaum. So besteht mehr als die Hälfte unserer Bundesversammlung aus über 54-Jährigen. Wer davon das Jahr 2050, in dem die kritischen 1.5 Grad Erderwärmung erreicht sein werden, noch erlebt, hat eine sehr hohe Lebenserwartung. Dennoch ist der Rückhalt für die Klimabewegung aus den älteren Bevölkerungsschichten nicht zu übersehen. Die Klimasenior*innen als Bevölkerungsgruppe, die bereits jetzt stark unter dem Klimawandel leidet, die Eltern fürs Klima, die im Sinne einer glaubwürdigen Fürsorge den Planeten ihrer Kinder schützen – aber auch ausserhalb dieser Gruppierungen gibt es immer wieder Hilfe für die Anliegen des Klimastreiks.

Ein Beispiel für die generationenübergreifende Zusammenarbeit findet sich in St. Gallen. Etwa fünfzig engagierte Klimastreikende besuchten am 18. Februar 2019 eine Session des Kantonsrats. Es ging um besonders klimarelevante Standesbegehren: Ein kantonales Inlandflugverbot und eine Kerosinsteuer. «Ich fand es krass, zu sehen, in welche Hände wir unsere Zukunft geben», sagt Tabea Heimbucher, die im Kantonsratssaal dabei war. «Die Aufmerksamkeit der Kantonsrät*innen war erstaunlich niedrig.» Der Besuch – überwiegend Schüler*innen – hatte deshalb nicht im Sinn, brav und stumm sitzen zu bleiben, während vor seinen Augen über seine Zukunft verhandelt wurde. Die Teilnehmenden wussten, dass sie keine Banner oder Ähnliches mitnehmen durften und beim Eingang kontrolliert werden würden. Aber damit war die Demo nicht geplatzt – dank Kantonsrat Max Lemmenmeier, der heimlich ein zwei Meter breites Transparent mitgenommen und den Klimastreikenden nach der Eingangskontrolle übergeben hatte. Der grossformatige Mahnspruch Reisst euch zusammen – Die Erde steht in Flammen hatte also den Weg bis nach drinnen geschafft und trug, begleitet von Applaus, Zwischenrufen und Parolen («Wem sini Zuekunft?») seitens der Demonstrierenden, seinen Teil zum Verlauf der aussergewöhnlichen Kantonsratssession bei. 

«Die Hilfe aus anderen Altersgruppen finden wir super», so Miriam Rizvi, Mediensprecherin von Klimastreik Ostschweiz. Es gibt keinen Grund, weshalb sich die Bewegung auf Gymnasiast*innen und Studierende beschränken sollte. Schliesslich betrifft der Klimawandel bereits heute den gesamten menschlichen Lebensraum, und die Dringlichkeit des Problems ist zu gross, als dass die Existenzfrage als Anliegen einer einzigen demografischen Gruppe betrachtet werden dürfte. Unterstützung von ausserhalb der Gymnasien und Hochschulen ist aber bereits vorhanden, wächst weiter und macht den Streikenden Mut. So auch Rizvi: «Das Thema geht alle etwas an, und viele zeigen sich solidarisch.»

Lemmenmeier musste für seine hintergründige Hilfe bei der St. Galler Kantonsratsdemo geradestehen. Kritik am Inhalt des Transparents musste der ehemalige Kantonsschullehrer aber keine einstecken. Die Demonstrierenden ihrerseits wurden für ihre Aktion, die gegen das Ratsreglement verstiess, gerügt und durch die Kantonsschule am Burggraben St. Gallen bestraft. Dennoch hatte die Zusammenarbeit zwischen den Generationen deutlichen Erfolg: Das Standesbegehren zur Kerosinsteuer wäre an jener Session zugunsten des neuen Hundegesetzes vertagt worden, hätte Lemmenmeier nicht per Ordnungsantrag Einspruch erhoben. So wurde die Massnahme, nachdem die Klimastreikenden den Saal auf Aufforderung verliessen, dann doch beraten und mit 54 zu 51 Stimmen bei zwei Enthaltungen angenommen – dank des Drucks der Klimabewegung.

Auch wenn die Massnahmen noch nicht genügen, um die Klimakrise in den Griff zu bekommen: Der Klimaschutz ist seit Jahrzehnten Thema in der Politik. Lemmenmeier ist froh, dass seit Dezember regelmässiger, häufiger Druck von der Strasse kommt. Nun sind nämlich auch die bürgerlichen Parteien gezwungen, sich mit der Klimafrage auseinanderzusetzen – wobei der schweizerische Umweltschutzartikel eigentlich seit 1973 in Kraft ist und US-Präsident Johnson schon 1965 über den Zusammenhang zwischen Treibhausgasen und Temperaturanstieg informierte. Die Klimabewegung verdeutlicht nun, wie wenig seither erreicht wurde, und wie gross die Herausforderungen sind. Und sie sind nicht einfacher zu meistern als zu Lemmenmeiers Jugendzeit: Bis in die Siebziger Jahre sind etwa Flüge ein Luxusgut gewesen; heute sind sie weit verbreitet. Ausserdem stellt sich der neoliberale Zeitgeist des 21. Jahrhunderts breit gefächerten Massnahmen in den Weg. So argumentiert auch Jonas Hostettler von Eltern fürs Klima: «Als die Ozonschicht in den 80er Jahren durch Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) rapide abnahm, war den meisten Menschen klar, dass dieses Problem ohne ein Verbot der Ozon zersetzenden Stoffe nur sehr schwer zu lösen wäre. Also verbannte man FCKW per Gesetz vom Markt.» Das entsprach der gängigen Denkweise jener Zeit. Heute ist der Tenor in den bürgerlich dominierten Parlamenten: Wer die Umwelt schützen wolle, solle vor der eigenen Türe kehren und sich für das grüne Produkt entscheiden, das der freie Markt auch sicherlich bereitstelle. Und im Umkehrschluss: Wenn niemand bereit ist, für eine Fernzugfahrt tiefer ins Portemonnaie zu greifen als für ein Flugbillet, dann brauche es dieses Angebot auch nicht. Mit anderen Worten: «Öko» muss man sich eben leisten können. Und die individuelle Freiheit dürfe auf keinen Fall durch Regelungen eingeschränkt werden. Aber im Strassenverkehr werden die Regeln nicht hinterfragt, und auch dort geht es im Extremfall um Leben und Tod. Wie hätte man wohl in den Achtzigern gehandelt, wenn damals schon der Umfang der Klimakrise bekannt gewesen wäre? Brauchen wir mehr Anlehnung an die Generationen vor uns? Lichtblicke gibt es auf den Klimademos: Bannersprüche wie Diese «Freiheit» tötet oder Unsere Zukunft statt eure Profite zeigen, dass sich der Neoliberalismus nicht in allen Köpfen der Welt eingenistet hat. 

Um die Katastrophe nicht noch weiter zu verschlimmern, ist ein noch nie dagewesener Verhaltenswandel vonnöten, der wohl kaum auf purer Freiwilligkeit basieren kann. Einfach wird er aber auch mit politischen Massnahmen nicht, sagt Max Lemmenmeier. Es greife auch eine soziale Problematik. Dass zum Beispiel das blosse, lineare Verteuern von Treibstoff ohne Rückverteilung der Einnahmen gesellschaftliche Probleme mit sich bringe, zeigten die Proteste der Gilets Jaunes in Frankreich. Aber als Historiker bleibt er zuversichtlich: Die Menschheit hat den existentiellen Kampf gegen die Pest gewonnen – dann könnte es auch beim Klima klappen. Und auch vergangene Jugendbewegungen haben Beachtliches erreicht. 

Autor: Simon Hotz, 18, studiert Biochemie. Im Klimastreik ist er unter anderem Demomusiker.

Wieso netto Null? – Die Klimakrise aus umweltwissenschaftlicher Perspektive

Mehr als 26’000 Wissenschaftler*innen aus dem deutschsprachigen Raum geben dem Klimastreik Recht. Warum? Die zentralen Konzepte und Erkenntnisse in Kurzform.

Der „Weltklimarat“, der IPCC, hat 2018 einen Sonderbericht veröffentlicht, der besagt dass die menschliche Aktivität zu einer globalen Erwärmung von 0.8-1.2°C im Vergleich zur vorindustriellen Zeit geführt habe. Steigt die Temperatur mit der aktuellen Rate weiter an, sei anzunehmen, dass sich die globale Durchschnittstemperatur zwischen 2030 und 2052 um 1.5°C erhöhen wird. [1]

Wieso kann man davon ausgehen, dass der Klimawandel menschengemacht ist?

Klimatische Schwankungen treten auch natürlich auf. Starke Temperaturschwankungen, zum Beispiel zwischen Kalt- und Warmzeiten, sind, über Jahrmillionen betrachtet, immer wieder aufgetreten. Trotzdem ist erwiesen: der aktuelle globale Temperaturanstieg ist menschlichen (anthropogenen) Ursprungs. Um das zu überprüfen, wurden Klimamodelle mit und ohne menschlichen Einfluss berechnet und mit den tatsächlichen Beobachtungen in Simulationsexperimenten verglichen. Wenn die Beobachtungen nur mit den Modellen mit menschlichem Einfluss reproduzierbar sind, kann man von einem anthropogen verursachten Klimawandel ausgehen. [2]

Natürlich gilt es zu berücksichtigen, dass ein Zusammenhang (Korrelation) nicht zwingend auf Ursächlichkeit (Kausalität) hindeutet. So gibt es beispielsweise auch eine Korrelation zwischen der Anzahl Leute, die in ihrem Swimmingpool ertrunken sind und der Stromerzeugung US-amerikanischer Kernkraftwerke [3], aber ein kausaler Zusammenhang scheint hier absurd. 

Bei den Klimamodellen ist ein kausaler Zusammenhang aber sicher, da die beobachteten Werte nur bei Modellen reproduziert werden, die die anthropogenen Emissionen berücksichtigen. [2]

Warum wird es wärmer?

Die unterschiedlichsten Prozesse auf unserem Planeten werden durch die Energie der Sonnenstrahlung ermöglicht. Ein Teil der Sonnenstrahlung gelangt allerdings nie auf die Erdoberfläche. Er wird von verschiedenen Gasen, Aerosolen und Wolken in der Atmosphäre reflektiert, absorbiert oder gestreut.

Der Teil der Strahlung, der durch die Atmosphäre auf den Erdboden gelangt, wird teilweise absorbiert (im globalen Mittel 70%); der Rest wird reflektiert (etwa 30%). [4]

Der absorbierte Teil der Strahlung erwärmt den Boden, das Wasser, angrenzende Luftschichten und liefert Energie für Organismen. Die erwärmte Oberfläche gibt wiederum einerseits fühlbare Wärme an die Atmosphäre ab und sendet andererseits Wärmestrahlung aus. Im natürlichen Gleichgewicht strahlt die Erde genau so viel Energie ab, wie sie über die Sonne aufnimmt. Berechnet man die Temperatur aus diesem Gleichgewicht, ergibt sich eine globale Durchschnittstemperatur von ca. -18°C. Tatsächlich herrscht aber eine Oberflächentemperatur von 15°C.

Der natürliche Treibhauseffekt erklärt diese Diskrepanz: Die Gase in der Atmosphäre verhindern, dass die gesamte von der Erde emittierte Wärmestrahlung direkt ins All

Abb. 1: Strahlungsbilanz der Erde, abgeändert aus „Earth’s global energy budget“ [5]

Nur ausserhalb des Wellenlängenbereichs, in dem die meisten atmosphärischen Gase absorbieren, kann Strahlung von der Erdoberfläche direkt zurück ins All reflektiert werden.

Zu den Gasen, die in den Bereichen absorbieren, durch die die Strahlung ins All entweichen könnte, gehören Wasserdampf, Kohlenstoffdioxid, Ozon, Methan, Lachgas und FCKW.

Wir nennen sie „Treibhausgase“. Je mehr es davon in der Atmosphäre gibt, desto kleiner werden die „Fenster“, durch die die Strahlung entweichen kann. Vereinfacht könnte man also sagen: Treibhausgase funktionieren wie eine Decke. Je dicker die Decke, desto wärmer wird es.

Was sind Rückkopplungseffekte“ und tipping points“? 

Nehmen die Treibhausgas-Konzentrationen in der Atmosphäre zu, steigt die Temperatur und durch eine Verstärkung des Treibhauseffekts ist unter anderem mit vermehrten Eisschmelzen zu rechnen. Die reflektierende weisse Oberfläche weicht absorbierendem dunklem Boden oder Wasser. Weniger Sonnenstrahlung wird reflektiert und die Erwärmung wird weiter beschleunigt. Durch das Schmelzen von Permafrostböden wird dort eingeschlossenes Methan freigesetzt. Ausserdem fördert die zunehmende Erwärmung den Abbau organischer Substanzen im Boden, was wiederum bisher gespeicherten Kohlenstoff in Form von CO2 freisetzt.

Das Freisetzen weiterer Treibhausgase allein als Konsequenz der Erwärmung und die Verringerung der reflektierten Strahlung, verstärken also den Treibhauseffekt zusätzlich. Sie werden als „positive Rückkopplungseffekte“ bezeichnet. Das heisst: je wärmer es wird, desto mehr Rückkopplungseffekte treten auf und desto wärmer wird es. Damit gibt es noch mehr verheerende Konsequenzen – selbst, wenn nur noch vergleichsweise wenig Treibhausgase emittiert werden. Der Klimawandel verstärkt sich also selbst.

Wann die Effekte dieser Prozesse in welchem Ausmass auftreten, ist nicht sicher. Wir wissen auch nicht, was für zusätzliche Risikofaktoren noch berücksichtigt werden müssen. Das Schmelzen des Eises und der Permafrostböden sind nur wenige der möglichen „tipping points“, deren überschreiten erhebliche Konsequenzen haben wird. [6]

Wie brenzlig ist es denn?

Die vergangenen vier Jahre waren die heissesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Wenn sich die globale Durchschnittstemperatur weiter erhöht, hat das drastische Auswirkungen auf unsere Ökosysteme und die Weltbevölkerung.

Bereits heute sind Folgen wie Dürren, Hitzewellen, Waldbrände und Starkniederschläge spürbar. Die aktuellen Massnahmen werden das Klimaziel von 1.5°C deutlich verfehlen und wahrscheinlich sogar zu einer Erwärmung von mehr als 3°C führen. 

Überschreiten wir die „tipping points“ und setzen die positiven Rückkopplungseffekte ein, wird eine Rückkehr zu heutigen globalen Temperaturen auch mit netto Null Treibhausgas-Emissionen unrealistisch. Folgen sind weitere Extremwetterereignisse, Anstieg der Meeresspiegel, Verlust von Bodenfruchtbarkeit, landwirtschaftlicher Nutzfläche und Artenvielfalt, sowie nachhaltige Schädigung von Ökosystemen und folglich auch Trinkwasser- und Nahrungsmittelknappheiten. [7]

Es verschwinden Lebensraum und Lebensgrundlage – somit sind die Grundpfeiler unserer Zivilisation in Gefahr.

Im IPCC 1.5°-Sonderbericht heisst es ausserdem, dass ein Temperaturanstieg um ca. 2°C mehr Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben wird, als eine Erwärmung um 1.5°C. Es würde mehr hitzebedingte Todesfälle, aber auch vermehrte Ausbreitungen von Erkrankungen wie Malaria oder Dengue-Fieber geben. [1] 

Durch schnelles und konsequentes Einschreiten können die Erderwärmung und die Folgeschäden jedoch begrenzt werden. Je schneller die Netto-Emissionen der Treibhausgase gesenkt werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir das 1.5°C-Ziel noch einhalten können. [7] 

Und jetzt?

Ein wichtiger Bereich der Klimaforschung ist die Berechnung des so genannten CO2-Budgets: Wie viel CO2 darf durch die Menschen noch zusätzlich in die Atmosphäre eingebracht werden, ohne dass die Erwärmung des Klimas die 1.5°C Grenze überschreitet? Gemäss dem IPCC 1.5°-Sonderbericht darf nur noch gerade die achtfache Menge der jetzigen jährlichen weltweiten CO2-Emissionen in die Atmosphäre gelangen – falls die Emissionen also weiterhin konstant bleiben, müsste in acht Jahren weltweit auf einen Schlag alles CO2, das ab dann noch durch die Verbrennung von fossilen Brennstoffen entsteht, sofort wieder aus der Atmosphäre entfernt werden – also netto Null Emissionen erreicht werden. 

CO2 kann aus der Atmosphäre durch Wiederaufforstung von gerodeten Wäldern oder durch technische Prozesse zur Gewinnung von reinem CO2 mit anschliessend sicherer Einlagerung in geeigneten Gesteinsschichten oder leeren Öl- und Gasquellen entfernt werden. Bei den technischen Prozessen erfolgt die Entnahme aus der Luft entweder durch die Methode BECCS (bioenergy with carbon capture and storage): Holz und andere pflanzliche Bestandteile aus nachhaltig bewirtschafteten Quellen werden in Kraftwerken verbrannt, das dabei entstehende CO2 wird anschliessend aus den Abgasen gefiltert. Oder durch DACS (direct air capture and storage): CO2 wird mit geeigneten Filtern direkt aus der Luft entnommen.

Ein plötzliches Erreichen von netto Null in acht Jahren ist allerdings unwahrscheinlich. Eine realistischere Möglichkeit wäre, ab sofort die jährlichen Emissionen jedes Jahr um über 10 % zu reduzieren. Auch so könnte das CO2-Budget für das 1.5°C-Ziel eingehalten werden. Leider ist ohne ein sofortiges beherztes Eingreifen der Politik eine jährliche Reduktion über 10 % für die nächste Zeit nicht zu erwarten. Deshalb hat der IPCC im 1.5°-Sonderbericht Szenarien entworfen, die davon ausgehen, dass ab etwa 2050 mehr CO2 aus der Luft entnommen als durch die Verbrennung von fossilen Brennstoffen in die Luft abgegeben wird – netto negative Emissionen. Je länger wir mit der Reduktion der Emissionen warten, desto höher müssten die netto negativen Emissionen ab 2050 ausfallen. Die Szenarien reichen von sehr moderaten negativen Emissionen bis zu negativen Emissionen, die über die Hälfte der jetzigen jährlichen Emissionen ausmachen. Die Finanzierung solcher Projekte würde uns vor enorme Herausforderungen stellen – es müsste mit Kosten im Umfang der heutigen Ausgaben für alle Energiebeschaffungen gerechnet werden. Wer würde das bezahlen? Wie kann das gerecht aufgeteilt werden? Diese und weitere Unsicherheiten stellen zukünftige, grössere netto negative Emissionen in Frage. Sie machen klar, dass wir die (vielleicht ohnehin unmögliche) Wiederherstellung einer für Mensch und Natur lebensfreundlichen Atmosphäre keinesfalls künftigen Generationen aufbürden dürfen, nur um heute etwas länger fossile Brennstoffe verbrennen zu können und wirksame Massnahmen in die Zukunft zu verschieben. [8] 

Wir müssen handeln – und zwar jetzt.

Autoren: Hanna-Sophie Wiedemeier & Jonas Hostetter

Quellen:

[1] MASSON-DELMOTTE Valérie, ZHAI Panmao, PÖRTNER Hans-Otto et al.: Global warming of 1.5°C. An IPCC Special Report on the impacts of global warming of 1.5°C above pre-industrial levels and related global greenhouse gas emission pathways, in the context of strengthening the global response to the threat of climate change, sustainable development, and efforts to eradicate poverty, Genf (2018)

[2] https://www.ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2017/11/klimawandel-oder-laune-der-natur.html; Einsicht: 26.04.19

[3]  http://www.tylervigen.com/spurious-correlations; Einsicht: 03.05.19

[4] LOHMANN Ulrike, LÜÖND Felix und MAHRT Fabian: An Introduction to Clouds. From the Microscale to Climate, Cambridge (2016)

[5] TRENBERTH Kevin E., FASULLO John T. und KIEHL Jeffrey: Earth’s global energy budget. In: Bulletin of the American Meteorological Society, (2009); neu gestaltet durch Julia Rickli (2019)

[6] https://www.theguardian.com/environment/2018/oct/09/tipping-points-could-exacerbate-climate-crisis-scientists-fear; Einsicht: 03.05.19

[7] https://www.scientists4future.org/fakten/; Einsicht: 19.04.19

[8] ANDERSON Kevin und PETERS Glen: The trouble with negative Emissions, In: Science (2016)

Die Mittel des Klimastreiks

Streiks / Demonstrationen

Die Klimastreiks, die jeweils freitags im Abstand von einigen Wochen stattfinden, gehen auf das Vorbild Greta Thunbergs zurück, die seit August 2018 jeden Freitag vor dem Parlamentsgebäude in Stockholm streikt. Dazwischen wird demonstriert, in der Regel an einem Samstag. So können auch Leute teilnehmen, die nicht streiken können, ohne harte Konsequenzen fürchten zu müssen – beispielsweise arbeitende Menschen, denen gekündigt werden könnte.

Die Streiks bilden das Rückgrat unserer Bewegung – dass wir uns Klimastreik nennen, kommt nicht von ungefähr. Wenn zehntausende junge Menschen gemeinsam für ihre Zukunft auf die Strasse gehen, ist das ein extrem starkes Zeichen. Wir bauen Druck von unten auf und rütteln die Politiker*innen wach , die das Ausmass der Klimakrise bisher komplett unterschätzt haben. Wir erheben gemeinsam unsere Stimme, sodass wir nicht länger überhört werden können.Häufig wird uns vorgeworfen, dass die Schulen und die Bildung nicht unsere Gegner seien. Streiks während der Schulzeit ergäben somit keinen Sinn. Das stimmt natürlich vorerst. Die Schule ist inhaltlicher Verbündeter und nicht Adressat der Streiks. Die Schule zu bestreiken, dient in erster Linie dem politischen Zweck. Genau indem wir gesellschaftlich anerkannte Grenzen überschreiten, schaffen wir es, den Alltag der Menschen zu durchbrechen und sie damit viel stärker aufzurütteln. Eine Schwierigkeit bei den Demonstrationen besteht darin, dass die Teilnehmendenzahl stets zunehmen muss. Sobald diese stagniert oder gar zurückgeht, verlieren die Demonstrationen an Kraft, und das Interesse der Medien lässt nach.

NVDAs

NVDAs, also nonviolent direct actions oder zu Deutsch gewaltlose direkte Aktionen sind Proteste, die ausserhalb der institutionalisierten Politik angesiedelt sind, sich der Gewaltlosigkeit verschrieben haben und die ungerechte Macht- und Gesellschaftsverhältnisse herausfordern. Oftmals brechen NVDAs auch bewusst das Gesetz oder bewegen sich in einem juristischen Graubereich. Innerhalb der Klima- und Umweltbewegung sind NVDAs stark etabliert. Organisationen wie Extinction Rebellion oder Greenpeace setzen gezielt auf den gewaltfreien Widerstand. Ob die Besetzung von Öltankern, das Lahmlegen von wichtigen Verkehrsknotenpunkten oder das Abseilen von AKWs – es gibt eine enorme Vielfalt an möglichen NVDAs. Auch Streiks sind klassische Mittel des gewaltlosen Widerstands; die Klimastreiks als Weigerung, zur Schule zu gehen, reihen sich also klar in dieser Kategorie ein.

Die Stärken von NVDAs liegen darin, dass sie die Menschen aus ihrem Alltagstrott herausreissen und es so schaffen, ihnen die Dringlichkeit der Anliegen zu vermitteln. Gerade dadurch, dass NVDAs auch oft von starker Medienpräsenz begleitet werden, kann die Botschaft noch weiter verbreitet werden. Durch direkte Aktionen können sehr viele Menschen eingebunden werden. Ihnen wird so die Möglichkeit gegeben, von unten ins Geschehnis einzugreifen und zusammen gegen Ungerechtigkeiten vorzugehen. Da NVDAs sich teilweise in einem juristischen Graubereich bewegen, kann es sein, dass die Aktivist*innen verhaftet werden. Deshalb ist es wichtig, dass allen Beteiligten die möglichen Folgen – in juristischer, aber auch körperlicher und emotionaler Hinsicht – bewusst sind, sodass sie informiert entscheiden können, ob sie sich an dieser Aktion beteiligen wollen. Neben den Folgen für die Aktivist*innen besteht das Risiko einer NVDA darin, dass der Protest in der Presse und der Öffentlichkeit negativ aufgefasst und insofern zum Schuss nach hinten wird.

Alternativen aufbauen

Momentan ist es für uns kaum möglich, wirklich klimaneutral zu leben. Wir können uns zwar dafür entscheiden, nicht zu fliegen, auf tierische Produkte zu verzichten und unsere Kleidung nur noch im Brocki zu kaufen. Gewisse Faktoren können wir als Individuen jedoch kaum beeinflussen. Genau aus diesem Grund ist es entscheidend, dass wir uns selbst daran machen, Alternativen in diesem unperfekten System aufzubauen.

Das Wohnprojekt der Regionalgruppe Zürich des Klimastreiks ist dafür ein anschauliches Beispiel. In den letzten Jahren wurde immer klarer, dass die Art, wie wir wohnen, nicht mit dem Klima und der Umwelt vereinbar ist. Es braucht deshalb alternative Wohnformen, und genau da setzt das Wohnprojekt an: Die grosse Utopie einer klimaneutralen Gesellschaft soll auf kleinem Massstab heruntergebrochen und gelebt werden. Die Forderung von Extinction Rebellion nach Bürger*innenversammlungen als Alternativen zum herkömmlichen Parlamentarismus oder Landwirtschaft nach den Prinzipien der Permakultur sind weitere Beispiele für Alternativen, die wir aufbauen können. 

Alternativen aufzubauen ist aus verschiedenen Gründen wichtig: Wenn wir eine klimaneutrale Gesellschaft aufbauen wollen, werden wir sämtliche Aspekte unseres Lebens hinterfragen müssen. Wie wir wohnen, wie wir arbeiten und wie wir uns ernähren wollen – einfach alles. Unsere Gesellschaft ist auf solche Alternativen angewiesen, um Ideen zu entwickeln, wie eine klimaneutrale Welt aussehen könnte. Gleichzeitig bieten solche Alternativen auch die Möglichkeit, unser eigenes Wertesystem zu hinterfragen. Wie sieht ein gutes Leben aus? Immer mehr arbeiten und konsumieren, immer weitere Flugreisen von Jahr zu Jahr? Das klassische Einfamilienhaus mit Kindern und Hund? Was macht uns wirklich glücklich? Es besteht jedoch die Gefahr, dass es solche Projekte verpassen, grundlegende Veränderungen in der Gesellschaft anzustossen. Wir dürfen das grosse Ganze nicht aus den Augen verlieren. Entscheidend ist es, dass die Alternativen die Gesellschaft erreichen und nicht isoliert bleiben. 

Autorin: Nadia Kuhn, 21, Gymnasiastin an der Atelierschule