City change

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten. Bis 2050 werden es zwei Drittel sein. Aktuell lebt ein Viertel der Weltbevölkerung in Slums. Gleichzeitig sind urbaner Wohlstand und die Wirtschaft für rund 70 % des Weltenergiebedarfs und den grössten Anteil des CO2-Austosses verantwortlich. Die Temperatur in Metropolen wird bis 2050 weltweit um überdurchschnittliche 5,7°C ansteigen. Delhi wird dieses Jahr bereits über 10’000 Hitzeopfer zählen. Es bleibt keine Zeit mehr. Wir müssen Städte grundlegend neu denken und zukunftstaugliche, soziale und klimataugliche Lebensformen entwickeln. 

Gartenstadt reloaded

Ebenezer Howard dachte 1898 das Modell der Gartenstadt als organisches Ganzes von Wohnen, Arbeiten, Produktion, Ausbildung, Agrarwirtschaft und Natur. Einrichtungen mit Zentrumsfunktion wie Parks, Begegnungsstätten, Kreisbüros, Bibliotheken, Einkaufsmöglichkeiten, Poststellen, Cafés, Restaurants und ÖV-Verbindungen liegen nahe beieinander. Rund herum folgen die Wohnüberbauungen mit grosszügigen Grün- und Begegnungsräumen. Die Dichte der Überbauungen nimmt ab, je weiter sie vom Zentrum entfernt sind. Am Rand der Stadt sind Emissionen verursachende Anlagen wie Kehrichtverbrennung, Heizkraftwerk und Industrie gelegen. Alles ist darauf angelegt, die Stadt lebenswert zu gestalten und Distanzen so kurz wie möglich zu halten. Vom Konzept der Gartenstadt können wir viel lernen. Auswärtsarbeit ist laut WWF einer der grössten Umweltkiller. Motorisierter Individualverkehr benötigt 12% des Platz einer Stadt, dichte Fahrradnetze nur 0,6%. Die räumliche Nähe erleichtert alle Funktionen der Stadt, vom Wohnen übers Arbeiten bis zu Erholung. Sie minimalisiert den Verkehr und macht unser Leben leichter, billiger und umweltschonender, während sie jene Mischung von Aktivitäten und Begegnungen fördert, die Urbanität so attraktiv und inspirierend macht. Klimawandel und steigende Lebenskosten machen es immer fragwürdiger, weit in die Ferien zu verreisen. Auch darum werden nah gelegene Erholungsräume immer wichtiger. In Paris müssen Grünräume innerhalb von 5 Minuten zu Fuss erreichbar sein. Verdichten macht nur Sinn, wenn wir gleichzeitig in nachbarschaftlichen Kontakt zur Natur bleiben. Denn wir benötigen ihre Unmittelbarkeit, um unsere Abhängigkeit und ihre Fragilität nicht zu vergessen.

Die wandelbare Stadt

Prognosen sagen, dass sich grosse Gebiete Europas klimatisch Wüsten annähern. Um Städte auf diese unbekannte Veränderungen auszurichten, benötigen wir flexible und wandelbare Strukturen. Ein Parkplatz kann eine Permakultur werden, eine Strasse ein Quartierpark, ein Einkaufszentrum ein Schulhaus, Parkdecks eine Sportanlage, eine Tiefgarage ein Speicher für Kühlwasser für Gebäude, Bürokomplexe werden Gastwohnungen, Hochhäuser gleichzeitig Windkanäle oder Sonnenspiegel. Die Utopie einer anderen Stadt ist deshalb so faszinierend, weil sie eine Vision vom Zusammenleben ist. Und historisch faszinieren Städte, weil ihre Spuren über vergangene Herausforderungen erzählen. Wir müssen versuchen, dem städtischen Leben, zu dem auch Wandelbarkeit gehört, nicht nur eine räumliche, sondern auch eine zeitliche Dimension zu geben. Denn zum Leben gehört die Zeit des Werdens, des Lernens, Begreifens und Reagierens. Darum ist eine zukunftsfähige Stadt weit mehr als Optimierung, nämlich auch ein Raum des Miteinanders, wo neue Antworten auf neue Herausforderungen gefunden werden. Das bedingt Formen des Bauens, die offen sind für Aneignung, soziale Durchmischung und künftige bauliche wie nutzungsorientierte Veränderung. Eine Ausnahme sind Hochhäuser. Sie können durch ihre bauliche Statik und Hochhaustechnik (Lifte, Fassaden, Sicherheit, Pumpen und Generatoren, für Heizung und Kühlung usw.) nicht einfach umfunktioniert oder in andere Projekte eingebunden werden. Sie verursachen im Bau, Betrieb und Abbruch einen viel höheren ökologischen Fussabdruck und ihre Lebensdauer ist viel kürzer als diejenige anderer Gebäudeformen. Um davon abzulenken, dass sie als Prestige- und Renditeobjekte für grosse Luxuswohnungen mit schöner Aussicht gebaut werden, geben Investoren vor, zur effektiven Verdichtung beizutragen.

Grünzonen für natürliche Kühlung

Städte gehören zu den grössten Verursachern der Erderwärmung. Sie stossen über 80 Prozent der rund um den Globus emittierten Treibhausgase aus (bis zu 30 Jahrestonnen  CO2 pro Bewohner) und heizen sich zu Todeszonen auf. [1] 2018 sind gemäss Robert Koch-Institut in Berlin 490 Menschen durch Hitzewellen gestorben. [2] Im Juni 2019 brütete die Hitze in Bihar 32 Tage und erreichte Spitzenwerten von 48 °. Delhi erreichte einen Rekord von 6 686 Megawatt Stromverbrauch durch Kühlung und zählte über 5000 Hitzeopfer. Ab 37°C wird Hitze gefährlich. Ab 48°C unmenschlich. [3] Die ETH prognostiziert bis 2050 einen durchschnittlichen Temperaturanstieg von 5,7°C in Metropolen von über 500’000 Einwohnern bei nur 1,5°C Klimaerwärmung. [4] Das Problem ist nicht einfach, dass Städte heisser werden, sondern dass sie in der Nacht nicht mehr abkühlen, weil Stein und Beton die Hitze des Tages speichern und in der Nacht abstrahlen. Dies wird zur physischen und psychischen Belastung. Kleinkinder und alte Menschen sind davon besonders betroffen. Während Klimaanlagen durch Verdichter Wärme und CO2 erzeugen, sind grosszügige urbane Grünräume mit Bäumen und fliessendem Grundwasser die nachhaltigsten und ökologischsten Kühlkörper. Sie können die Temperatur tagsüber um 7°C reduzieren. Auch urbane Baubrachen, die gleichzeitig Pionierräume für Flora und Fauna schaffen, sind ein äusserst wirksamer Schutz gegen die Bildung von urbanen Hitzeinseln und müssen geschützt und gefördert werden.

Klimanotstand: Ende der Zwischennutzung

In vielen westlichen Städten wurden in den 1990er Jahren durch den Wegzug der Industrie ganze Stadtteile für Investoren frei. Dabei gerieten auch Baubrachen in den Fokus für Zwischennutzungen. Durch Urban-Gardening wurden diese Räume zu offenen, ökologischen und sozialen Wiederaneignung von Stadt. Sie sind zu einem Symbol gegen die Gentrifizierung geworden. Die bundesweite Koordination “Anstiftung” hat ein Manifest [5] formuliert, das über 180 solche Vereinigungen unterzeichnet haben, unter anderem auch die Zürcher Hardturmbrache, wo das erste Klimafestival [6] dieses Jahr stattfand. Das Manifest weist daraufhin, wie Brachen die soziale Interaktionen und einen nachhaltigen Umgang mit der Natur fördern, und zwar beinahe kostenlos. Durch Bottom-Up Prozesse und echter Teilhabe sind sie ein wichtiger Gegenpart zum gouvernementalen Klimaschutz. Das Problem ist, dass Brachen zwar als cool gelten: Anfragen von Unternehmen, Markenträger*innen oder politischen Parteien, welche sich an diesen freiheitlich gewachsenen Orten für die eigene Werbung inszenieren wollen, häufen sich. Aber kaum jemand setzt sich für ihr Fortbestehen ein. Deshalb ruft dieses Manifest zur solidarischen und politischen Unterstützung von allen Seiten auf.

100% biologische, selbstversorgende Stadtteile

Permakultur erlaubt es, auf wenig Land viel zu ernten, ganz ohne Chemie, während sich der Boden bei jeder Ernte qualitativ verbessert. Damit lassen sich ganze Stadtteile selbst versorgen. In Detroit entstand dieses Jahr das erste 100 % biologische, selbsttragende Viertel in Amerika. Es werden 2000 Haushalte auf einer Fläche von 3 Hektaren mit frischen, kostenlosen und ökologischen Produkten versorgt. Dazu kommen Lebensmittel für lokale Märkte, Restaurants und Vorratskammern, leicht zugänglich und erschwinglich. Der Anbau der Siedlung verfügt über 300 Bio-Gemüsesorten wie Salat, Grünkohl, Karotten sowie einem Obstgarten mit 200 Äpfel-, Birnen-, Pflaumen- und Kirschbäumen, einem Freizeitgarten für Kinder und vielem mehr. Ein leerstehendes Gebäude wurde in ein kommunales Ressourcenzentrum umfunktioniert, das Bildungsprogramme, Veranstaltungs- und Tagungsräume für die Nachbarschaft anbietet, während zwei Küchen ein Lebensmittelcafé und ein Studentenwohnheimen versorgen. Ebenso könnte die Hardturmbrache in Zürich West mit der umliegenden Genossenschaft Kraftwerk mit Konsumdepot, Brasserie, Aporta Wohnstiftung, der Gartenstadt Bernoulli, und dem geplanten Gemüsemarkt auf dem Migros-Areal ein idealer Standort sein, um einen 100 % biologischen, selbstversorgenden Stadtteil zu entwickeln. Warum verwandeln wir unsere Städte nicht in gemeinschaftlich selbstversorgende Resorts? Durch sie können wir uns an Ort und Stelle einbringen weil sie auf Gegenseitigkeit beruhen. Schaffen wir gemeinschaftliche Einrichtungen (Restaurants, Bars, Werkstätten), bedienen wir uns gegenseitig, machen wir den Alltag zum Miteinander. Wir könnten so sogar unsere bezahlte Auswärtsarbeit reduzieren. Weniger arbeiten, weniger produzieren, weniger (das heisst anders) konsumieren, was wiederum unseren Erholungsbedarf reduziert. So kommen wir aus der Arbeits-Klima-Wachstums-Falle heraus. 

Autoren von „Der Rest von Züri West II“


Quellen

[1] Diana Mitlin, Sheridan Bartlett, David Satterthwaite (Hrsg.): Environment and Urbanization, Volume 31 Issue (1. April 2019) 

[2] DPA-Newskanal: Studien: Tausende Deutsche sterben während Hitzewellen, Süddeutsche (29. Juni 2019)

[3] Yannick Wiget: Zu Heiss für Menschen, Der Bund (22. Juli 2019)

[4] Keystone-SDA-Newskanal: Metropolen droht laut ETH-Studie drastische Erwärmung, Tagesanzeiger (11. Juni 2019)

[5] Gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts, Anstiftung: Urban Gardening Manifest, München 2018: https://urbangardeningmanifest.de/ 

[6] Klimafestival, 3. und 4. August 2019: https://www.klima-festival.ch/

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