Die zweite Aufklärung

Wenn alle Menschen wirklich wüssten, wie schlimm es um unsere Zukunft steht, wäre es dann immer noch so schwierig, die Klimakrise zu lösen? In diesem Artikel teile ich Gedanken über den Mut zu wissen und zu verändern. 

Ich möchte diesen Text mit einem angepassten Zitat von Kant beginnen: 

„Die zweite Aufklärung ist der Ausgang der Menschen aus ihrem selbstverschuldeten Aussterben. Aussterben ist das Unvermögen, sich seines Verstandes und seiner Werte trotz täuschender Leitung anderer oder seiner selbst zu bedienen.“ 

In den nächsten Jahren wird die Klimakrise zu grossem Leid zahlreicher Menschen führen. Manche Wissenschaftler sprechen gar vom Aussterben der menschlichen Art. Die Fakten liegen auf dem Tisch. In den Ländern, die zu einem Grossteil für die Klimakrise verantwortlich sind, haben die meisten Menschen Zugang zum Internet oder zu einer Bibliothek. Ohne langes Suchen kann man aus qualitativ hochwertigen Quellen alles zur Klimakrise und ihren Ursachen und Folgen finden. Bei vielen dieser Artikel ist das Verständnis nicht besonders schwierig und sollte für den Homo Sapiens, den weisen Menschen, durchaus machbar sein. Trotzdem gibt es zahlreiche Menschen, die noch kaum etwas von den erschreckenden Fakten der Klimakrise wissen. Ich frage mich, wieso dies der Fall ist und komme zu folgendem Schluss.

Dass die Klimakrise ein Problem ist, weiss man auch, bevor man sich näher mit ihr befasst. Das mag viele Menschen schon im Vorhinein abschrecken. Lieber beschäftigt man sich dann mit den greifbaren Alltagssorgen. Die Angst vor der Angst hält davon ab, sich ausführlich zu informieren. Ausserdem gibt es Menschen, die, trotz des Angebots an Wissen, einfach nicht den Aufwand machen möchten sich zu informieren. Der Alltag erschöpft und es ist keine Energie vorhanden sich aktiv um Informationen zu einem anderen Problem zu bemühen. Bei anderen Menschen ist schlicht der Wissensdurst versiegt. Klar, nur ein kleiner Bruchteil der Menschheit wird von alleine auf die Idee kommen, sich ausführlich zu informieren – und genau hier liegt das Problem.

Gegen die Faulheit, beziehungsweise die Erschöpfung, würden breite Bildungskampagnen und eine klare mediale Berichterstattung helfen, da sie das Wissen noch einfacher erreichbar machen und auch im Alltag dazu anregen würden, sich mit der Problematik auseinanderzusetzen. Die Bildung von Erwachsenen, die nicht mehr in die Schule gehen, ist eine schwierige Aufgabe, der sich der Staat in einer Krise wie der Klimakrise unbedingt annehmen sollte. Weder die Medien, noch der Staat kommen ihrer Verantwortung bei der Bildung der erwachsenen Bevölkerung momentan nach. Beim Bildungssystem müsste angesetzt werden, damit der Wissensdurst erhalten bleibt, worauf ich hier aber nicht weiter eingehen möchte. Was weitaus schwieriger zu lösen ist, ist die Sache mit dem Mut. Um dieses Problem auszudrücken, habe ich erneut ein Zitat von Kant etwas angepasst: 

„Selbstverschuldet ist dieses Aussterben, wenn die Ursache desselben nicht am Mangel des Verstandes oder der wissenschaftlichen Fakten, sondern des Mutes liegt, von seinem Verstand Gebrauch zu machen, sich der Bedeutung dieser Fakten bewusst zu sein und sein Handeln anzupassen. Sapere aude! – Wage es, weise zu sein!“  

Wir müssen unseren ganzen Mut zusammennehmen und aufhören, uns vor der Angst selber zu fürchten. Wir müssen uns trauen zu wissen. Wir müssen uns trauen, uns mit den Fakten auseinanderzusetzen, um eben dieses selbstverschuldete Aussterben und das damit verbundene Leiden zu verhindern.

Das Wissen über die Klimakrise allein reicht aber noch nicht aus, um sie zu lösen. Was es braucht, sind Veränderungen und Handlungen. Doch erneut ist es die Angst, die uns am Handeln hindern kann. Nehmen wir an, wir haben uns unseres Verstandes mutig bedient und gewinnen aus den Fakten Erkenntnisse. Wir wissen über die Ursachen und Folgen der Klimakrise, deren ungerechte Verteilung und die Tipping Points als tickende Zeitbombe Bescheid. Wir sind uns der langfristigen Mehrkosten einer ungebremsten Erwärmung gegenüber denen eines wirkungsvollen Klimaschutzes bewusst. Diese Erkenntnis macht, wie schon erwähnt, Angst. Menschen sind Gewohnheitstiere und schrecken in der Regel vor möglicher Veränderung zurück. Viele fürchten den angeblichen Verzicht und eine Beschränkung in ihrem Konsumverhalten.

Wir reagieren unterschiedlich auf Angst. Entweder wir flüchten vor ihr, oder wir stellen uns unserer Angst. Wenn wir flüchten, ist die Angst nicht einfach weg. Sie lauert in unserem Unbewusste, wo sie uns keine echte Ruhe lässt. Ausserdem ist eine Flucht im Falle des drohenden Aussterbens schlichtweg nicht hilfreich. Wo die Angst ist, ist der Weg zur Lösung der Klimakrise. 

Um uns dieser Angst zu stellen und die Klimakrise zu bekämpfen, müssen wir uns unserer Werte bewusst werden. Es sind Werte wie Gerechtigkeit, Respekt, Toleranz und Hilfsbereitschaft oder das Wissen, dass es schlecht ist, zu töten oder zu stehlen. Diese Werte sind bei den meisten Menschen vorhanden, wenn auch manchmal überdeckt von der Gier, traumatischen Erlebnissen oder täuschenden Einflüssen. Die obigen Werte sollten nun wieder viel stärker ins Bewusstsein gerückt werden. 

(Hervorhebung)

Aufgeklärten Menschen wird der Widerspruch zwischen ihren Werten und den tatsächlichen Handlungen klar. Diese Diskrepanz macht unglücklich, was zu Verhaltensänderungen führt. Ein kleines Beispiel hierzu: Angenommen, jemand hat die schädlichen Folgen des Flugverkehrs, sowie die Folgen der Klimakrise verstanden und ist sich gleichzeitig bewusst, dass er niemanden umbringen möchte. Er weiss, dass Fliegen die Klimakrise deutlich verstärkt und dass aufgrund der Klimakrise und ihren Naturkatastrophen viele Menschen sterben. In diesem Fall wird er vermutlich in nächster Zeit in kein Flugzeug mehr steigen, da es ihn unglücklich machen würde, seinem Wert, des «Nicht-tötens», nicht gerecht zu werden. Diese kognitive Diskrepanz kann auch zum Versuch der Rechtfertigung des früheren Handelns führen. Aufgeklärte, kritische Menschen werden hierbei jedoch schnell an die Grenzen der Fakten stossen. 

Die zweite Aufklärung beinhaltet neben dem Gebrauch des Verstandes auch das Bewusstsein unserer Werte. Es fragt sich jedoch, ob wir bei dieser Krise die Zeit für eine allumfassende, zweite Aufklärung haben. Wenn aber nur schon die politisch aktive Bevölkerung und die politischen Entscheidungsträger mit einer solchen zweiten Aufklärung begännen, wäre viel erreicht.

Wir Menschen sind soziale und zugleich egoistische Tiere. Wir leben seit jeher in Gruppenverbänden. Wer sozial unfähig war, dem drohte der Ausschluss aus der Gemeinschaft und in der Steinzeit somit der sichere Tod. In Zeiten der Klimakrise droht bei sozialer Unfähigkeit der Tod der Menschheit. Viele unserer Werte beruhen auf unserer sozialen Seite und für die Lösung der Klimakrise braucht es internationale Zusammenarbeit. Gleichzeitig sind wir, die einen mehr als die anderen, auch egoistische, vom Eigennutz getriebene Tiere. Innerhalb des Gruppenverbandes verfolgen wir egoistische Interessen, um in der Gruppe nicht unterzugehen. Unser persönliches Glück scheint oft heilig. Bei der Lösung der Klimakrise kommt jedoch auch unser Eigennutz nicht zu kurz: Uns geht es besser, wenn wir im Einklang mit unseren Werten leben. Wir vergraben unsere Angst nicht irgendwo im Unbewussten. Weiter müssen wir dann nicht auf der Flucht vor dieser Angst hinter anderen Dingen, wie zum Beispiel übermässigem Konsum, Schutz suchen. Wir haben kein schlechtes Gewissen und sind insgesamt glücklicher. 

Die zweite Aufklärung, also das Verwenden unseres Verstandes und das Bewusstsein über unsere Werte, wäre der erste Schritt in Richtung Lösung der Klimakrise. Nur wer die wissenschaftlichen Hintergründe versteht, der erkennt die Dringlichkeit des Handelns. Wissen ist also die Basis der Lösung. Und wer sich seiner Werte bewusst ist, wird glücklicher, wenn er etwas gegen die Klimakrise unternimmt. Ich behaupte, dass die meisten von uns gerne so glücklich wie möglich sind, weswegen nach der zweiten Aufklärung automatisch ein Wandel im Handeln in ganz verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen folgen würde. Systeme wie die Landwirtschaft, das Energiesystem, die Mobilität oder auch die Wirtschaft würden sich dann wie von selbst, auf ganz natürliche Weise, wandeln. 

Das verstehe ich unter Systemwandel: Ein Wandel, der auf Wissen und unseren Werten basiert, ein Wandel, der ganz selbstverständlich von der breiten Bevölkerung aus geschieht. 

Beenden möchte ich diesen Artikel mit einem Zitat von Shaftesbury, einem weiteren Denker der Aufklärung. Shaftesbury verfocht die Ansicht, “dass der Mensch von Natur aus das grösste Glück empfinde, wenn er in Harmonie mit seiner Umwelt lebe.“ 

Hanna Fischer, 18 Jahre alt, Medizinstudentin

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