Klimagerechtigkeit


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Was ist Klimagerechtigkeit?  Was beinhaltet diese genau? Und wieso ist sie eine der drei Forderungen des Klimastreiks? In diesem Artikel möchten wir diesen Fragen auf den Grund gehen.

Klima und Gerechtigkeit, auf den ersten Blick mag es seltsam erscheinen diese vermeintlich so unterschiedlichen Begriffe zusammenzubringen. Im Wörterbuch «Vocabolario Treccani» findet sich für Klima folgende Definition: «Das über einen längeren Zeitraum ermittelte Gefüge der meteorologischen Gegebenheiten, welche charakteristisch sind für den Jahresverlauf eines Ortes oder einer Region.» [1]. Gerechtigkeit hingegen wird definiert als eine « soziale Tugend, die sich durch den Willen auszeichnet, die Rechte, welche jedem aufgrund des Gesetzes und des Verstandes zugeschrieben werden, anzuerkennen und zu respektieren.» [2]. Während der erste Begriff einen Mechanismus beschreibt, welcher losgelöst von der menschlichen Existenz besteht, ist der zweite ein menschliches Konstrukt. Durch die Kombination der beiden entsteht ein neues Konzept, dessen Bedeutung jedoch nicht gerade offensichtlich ist. Aus diesem Grund werden wir in diesem Artikel den Begriff der Klimagerechtigkeit und seine Implikationen genauer beleuchten und versuchen einen Bezug zum aktuellen Kontext herzustellen. So wollen wir erklären, wieso dieses Prinzip ein Kernstück der Forderungen des Klimastreik Schweiz ist und worin genau dessen Anspruch besteht. 

Woher rührt der Begriff Klimagerechtigkeit

 Ursprung des Konzepts Klimagerechtigkeit ist die Erkenntnis, dass klimatische Veränderungen nicht nur einen Effekt auf die natürlichen Ökosysteme, sondern auch auf das menschliche Leben haben. Insbesondere gilt dies für Menschenrechte und sozioökonomische Gefälle. Denn diejenigen, welche von den gegebenen Strukturen profitieren und gleichzeitig am meisten zum Klimawandel beitragen, sind nicht dieselben, welche am stärksten von den Konsequenzen betroffen sind. Folge davon ist nicht nur ein Zuspitzen der existierenden, sondern zusätzlich die Entstehung von neuen Ungleichheiten. Klimagerechtigkeit bedeutet demnach, uns zu fragen, woher die Krise kommt, wer die Schuld dafür trägt und welche Verantwortungen sich daraus ergeben. Dadurch wird anerkannt, dass sich die Klimakrise nicht auf die Umweltdimension reduzieren lässt, sondern darüber hinaus auch ein ethisches, politisches und soziales Problem ist.

Wir haben festgehalten, dass klimatische Veränderungen die bestehenden Ungleichheiten verstärken und zudem neue Spannungsfelder kreieren werden. Diese lassen sich in drei Dimensionen analysieren: der Zeitlichen, der Räumlichen und der Sozialen.[3].

Die zeitliche Dimension beschreibt eine intergenerationelle Ungerechtigkeit. Damit ist gemeint, dass die Hauptverantwortlichen, also alle Generationen seit der Industrialisierung bis hin zu den Erwachsenen heute, den Konsequenzen der Klimakrise fast bis gar nicht ausgesetzt sein werden. Die Generationen, die wussten, aber dennoch nicht handelten, haben durch ihre Untätigkeit die Last eines Problems auf die Schultern zukünftiger Generationen abgewälzt, die für dessen Entstehung nicht verantwortlich sind. Je länger in der Starre der Untätigkeit anhält, desto gravierender werden die Folgen, welchen wir Jungen und vor allem zukünftige Generationen werden ins Auge blicken müssen. Deswegen ist sofortiges Handeln gefragt.

Gegenstand der räumlichen Dimension ist der Umstand, dass verschiedene Gegenden der Welt, sowohl unterschiedlich verantwortlich sind für die klimatischen Veränderungen als auch unterschiedlich stark davon betroffen sein werden. Gemeinhin werden jene die weniger zur Verschlimmerung der Krise beigetragen haben, deren Effekte extremer zu spüren bekommen. Die Beispiele dafür sind vielzählig: Die ozeanischen Atollen werden bald vom Meer verschluckt sein, in Indien werden die bereits jetzt zur Realität gehörenden tödlichen Hitzewellen und Wasserknappheit keineswegs verschwinden, sondern sich vielmehr noch verschlimmern. Ein weiteres trauriges Musterbeispiel ist Sub-Sahara Afrika, wo die Erde immer trockener und unfruchtbarer wird und so die dort angesiedelten Menschen zwingt sich umzusiedeln [6]. Die Migrationsfrage ist eine der wichtigsten Herausforderungen, welcher unsere Gesellschaft gegenübersteht und ihre Dringlichkeit ist sogar steigend in der Tendenz: Schätzungen gehen davon aus, dass der Klimawandel zwischen 120 Millionen und 2 Milliarden hervorbringen werden [7].

Wie die bereits existierenden sozioökonomischen Spaltungen durch Veränderungen des Klimas verstärkt werden, fängt die soziale Dimension der Klimagerechtigkeit ein. Die Hauptverantwortlichen der Krise sind auch jene, welche über mehr Ressourcen verfügen, um dieser zu begegnen. Denen, die sich aber bereits jetzt in einer sozioökonomisch benachteiligten Position finden, werden auch in Zukunft die Mittel fehlen, um den Herausforderungen begegnen zu können. 

Jede dieser Dimensionen verdeutlicht einen Aspekt des Klimawandels, welcher die Forderung nach Klimagerechtigkeit massgeblich antreibt: Während die desaströsen Folgen bereits wie bedrohliche Gewitterwolken über den Schwächsten schweben und mit voller Wucht über ihnen hereinbrechen werden, spüren die Krisen-Verantwortlichen noch nichts davon. 

Was bedeutet Klimagerechtigkeit? 

Die Essenz von Klimagerechtigkeit liegt in der Forderung, dass Policies und Projekte, welche die Klimakrise einzudämmen suchen, moralischen Prinzipien gerecht werden sollten, welche alle Personen in einer Weise behandeln, die fair und frei von Diskriminierung ist [4]. 

Aus dieser Definition geht eine grobe Vorstellung über die Bedeutung von Klimagerechtigkeit hervor, jedoch bleibt diese sehr vage und abstrakt. Um grundsätzlicher zu verstehen, was damit gemeint ist, werden wir die Bausteine unter die Lupe nehmen, die darin implizit sind [5]. 

Achtung und Schutz der Menschenrechte: Die Menschenrechte sind das Produkt von internationalen Übereinkommen und bieten eine klare rechtliche Basis. Sie sollten auch als Grundlage dienen für die Formulierung von moralisch angemessenen Antworten auf den Klimawandel. Antworten, die verwurzelt sind in Gleichheit, Gerechtigkeit und Respekt gegenüber der Menschenwürde. 

Unterstützung des Rechts auf Entwicklung: Die enormen sozioökonomischen Gefälle, sowohl zwischen Ländern des globalen Nordens und Südens, als auch innerhalb einzelner Staaten, ist eine der grössten Ungerechtigkeiten der heutigen Gesellschaft. Aufgrund des Scheiterns Ressourcen gerecht zu verteilen, wird es Milliarden verunmöglicht ein menschenwürdiges Leben zu führen. Doch obwohl die Klimakrise diese Unterschiede verstärken wird, bietet sie gleichzeitig auch die Möglichkeit eines Paradigmenwechsels hin zur nachhaltigen und respektvollen Entwicklung. Dies würde beinhalten, die Ärmsten in einer solchen Weise zu unterstützen, dass sie sich ebenfalls aktiv an den kollektiven Bemühungen zur Eindämmung und Anpassung beteiligen können.

Faire Verteilung der mit dem Klimawandel einhergehenden Vor- und Nachteile. Im Bezug auf klimatische Veränderungen ist es notwendig anzuerkennen, dass zum einen die Verantwortung gemeinsam, aber unterschiedlich ist (alle tragen einen Teil der Verantwortung mit, welcher jedoch stark in seiner Grösse variiert). Und zum andern, dass verschiedene Länder verschiedene Reduktionskapazitäten aufweisen, abhängig von den Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen. Aus der Anerkennung dieser Gegebenheiten leitet sich ab, dass jene, welche am meisten für die Verschmutzung verantwortlich sind und gleichzeitig über die meisten Handlungsmittel verfügen, auch jene sein müssen, welche als erste ihre Emissionen reduzieren. Mit den Emissionen gingen und gehen zudem Wirtschaftswachstum und Gewinne einher, woraus für die Hauptprofiteure die moralische Pflicht erwächst, diese Vorteile mit denen zu teilen, welche massgeblich unter den Folgen leiden. Den Bewohnern von Ländern mit niedrigerem Einkommen sollte es möglich sein, sich an die klimatischen Veränderungen anzupassen und einen Entwicklungspfad einzuschlagen, der die Umweltauswirkungen minimiert. 

Partizipative, transparente und verantwortungsvolle Entscheide: Die Möglichkeit an fairen, verantwortungsvollen und korruptionsfreien Entscheidungsprozessen teilzunehmen ist fundamental. Darüber hinaus ist es unerlässlich, dass politische Massnahmen, die Stimmen der Verwundbarsten stark einbeziehen, um so ihre Bedürfnisse zu verstehen und angemessen anzugehen. 

Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter: Aufgrund von Geschlechterrollen und patriarchalischen sozialen Strukturen erleiden Frauen Ungerechtigkeit, welche durch die Klimakrise noch verschärft werden. Vor allem in den ruralen Gebieten des globalen Südens ist dieses Phänomen ersichtlich. Denn in diesen Regionen haben die Frauen oft einen tiefen sozialen Status, sowie eine geringere politische und ökonomische Macht als Männer. Zudem spielen Frauen eine wichtige Rolle in der Landwirtschaft und sind generell stärker von Armut betroffen. Als Folge davon sind sie stärker den Veränderungen ausgesetzt, welche der Klimawandel hervorbringt. In vielen Ländern gehören Frauen zu den Hauptbetroffenen von klimabedingter Ungerechtigkeit, wodurch sie eine aktive Rolle in einem Wandel innerhalb der eigenen Gemeinde einnehmen können. Unter Anderem deswegen muss der Stimme der Frau Gehör verschafft und Gewicht gegeben werden. [3]. 

Transformatorisches Potenzial von Bildung: Durch Bildung können kulturelle Nomen verändert, die Umsetzung der oben beschriebenen Prinzipien iniziiert und als Konsequenz davon Klimagerechtigkeit gefördert werden. Grundlegende Änderungen in Lebensstil und Verhaltensweise werden erforderlich sein. Bildung hat die Macht künftige Generationen mit den erforderlichen Kompetenzen und Kenntnissen auszustatten, auf welche sie angewiesen sein werden, um in diesem Wandel zu überleben und zu florieren. 

Effektive Zusammenarbeit: Um klimawandel-bedingte Schäden zu begrenzen, müssen sowohl auf Staatsebene wie auch auf internationalem Niveau Massnahmen ergriffen werden. Damit diese erfolgreich koordiniert und wirksam ausgestaltet werden können, erfordert Klimagerechtigkeit, dass Ressourcen und Fachwissen weltweit geteilt werden. Internationaler Kooperation kommt demnach eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung des Klimawandels zu.

Die Verwirklichung dieser Prinzipien erfordert eine Überwindung der Logik von Egozentrismus und Gier, welche leider aktuell die globale politische Landschaft kennzeichnet. Diese führt dazu, dass jeglicher Versuch die durch den Klimawandel verursachten Schäden zu begrenzen, zum Scheitern verurteilt ist. Die Menschheit fährt in einem Zug, der mit einem halsbrecherischen Tempo auf den Abgrund zurast. Auf der ganzen Welt erheben Kinder ihre Stimmen, damit endlich die Notbremse gezogen wird: Hören wir auf sie!

Wieso ist Klimagerechtigkeit eine Forderung des Klimastreiks? 

Eindeutige Beziehungen zwischen den Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels herzustellen ist kein einfaches Unterfangen und in einer derart komplizierten Welt lässt sich das Prinzip «Der Verschmutzer zahlt» nur selten mit Erfolg anwenden [3]. Dennoch kämpft der Klimastreik für ein System, welches die Herausforderungen der Klimakrise fair und moralisch anpackt. Anpackt auf eine Art und Weise, welche den Respekt vor Natur und Mensch in Einklang zu bringen vermag. Dies erfordert präzise Richtlinien und Regeln, sodass Unterschiede geschmälert und Ungerechtigkeiten kompensiert werden können. Genau darum geht es bei der Klimagerechtigkeit. Sie beschreibt weniger ein statisches Ziel, als eine Methode, mit welcher die Klimakrise angegangen werden kann. Ein Lösungsprozess, welcher Klimagerechtigkeit respektiert, ist ein Prozess, der Menschenrechte berücksichtigt, die Schwächsten unterstützt und transparente Entscheidungen hervorbringt. Deswegen fordert der Klimastreik, neben der CO2-Neutralität bis 2030 und der Erklärung des Klimanotstands, dass die Schweiz, ihre Umweltpolitik gemäss dem Prinzip der Klimagerechtigkeit weiterentwickelt. Dies bedeutet auch, dass jede und jeder von bei der Wahl von politischen Vertreter*innen für diese Forderung einstehen sollte. 

Was wird gemacht um Klimagerechtigkeit zu realisieren?  

(Fast) alle Staaten haben den Klimawandel als Realität anerkannt und die Vorstösse der Vereinten Nationen und des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change, das Organ der UN mit dem Ziel der Analyse und Bewertung des aktuellen Stands der Klimaforschung), welche zum Pariser Klimaabkommen und diversen internationalen Konferenzen (COP) geführt haben, versuchen eine globale Antwort auf die klimabedingten Ungerechtigkeiten zu geben. Aber die aktuellsten Ereignisse zeichnen einmal mehr die ernüchternde Bilanz auf: Die COP 25 verstrich, ohne dass es eine Einigung über auch nur einen der wichtigsten Artikel des Pariser Klimaabkommens gegeben hätte. Einmal mehr haben die Interessen der fossilen Industrie triumphiert über den Druck der Wissenschaft und der Aktivist*innen, welche fordern, dass ehrgeizigere Pläne zur Reduktion verabschiedet werden. Sowohl Antonio Gutierrez, der Generalsekretär der UNO, sowie Great Thunberg, Greenpeace und andere Umweltverbände sind enttäuscht von den Ergebnissen der Konferenz. Gutierrez bestätigte: «Die internationale Gemeinschaft hat eine wichtige Gelegenheit verpasst, mehr Ehrgeiz bei der Bewältigung der Klimakrise zu zeigen, sowohl in Sachen Eindämmung, Anpassung als auch Finanzierung. Aber wir dürfen nicht aufgeben» [8].

Dass es Lösungen gibt, zeigt uns die Wissenschaft. Was heute fehlt, ist der politische Wille, diese umzusetzen. Zum einen, weil gewaltige ökonomische Interessen im Spiel sind und zum andern, weil ein radikaler Systemwandel kein Sonntagsspaziergang ist und Engagement voraussetzt. Deswegen ist es essenziell, dass die Bürger*innen der ganzen Welt auf die Strasse gehen und sich vereinen. Dass wir unsere Stimmen hörbar machen und gemeinsam fordern, die Augen nicht länger vor der Klimakrise und den Ungerechtigkeiten zu verschliessen.  

Ismea Guidotti (19), Studentin der Internationalen Beziehungen und Klimastreikende

Matilda Sangiorgi (19), Studentin der Internationalen Beziehungen

Massimo Chiaia (48) Informatik-Ingenieur und Mitglieder der «Eltern für das Klima»

Quellenangaben

[1] Vocabolario Treccani (n.d.). Clima. http://www.treccani.it/vocabolario/clima1/

[2] Vocabolario Treccani (n.d.). Giustizia. http://www.treccani.it/vocabolario/giustizia/

[3] Arlati, Michèle et al. Ein umfassendes Problem: die Klimakrise ist eine soziale Krise [Un problema globale: la crisi climatica è una crisi sociale]. In: netto.null. Maggio 2019. PP. 34-37.

[4] Bartholomew, Shannon. What does climate justice mean to you? In: HuffPost. Dicembre 2017. https://www.huffpost.com/entry/what-does-climate-justice_b_8745372 (Traduzione propria)

[5] Mary Robinson Foundation – Climate Justice. Principles of Climate Justice. Luglio 2011. https://www.mrfcj.org/principles-of-climate-justice/

[6] Cinini, Giancarlo. I migranti del clima dal Sahel all’Italia. In: Galileo. Marzo 2019. https://www.galileonet.it/migranti-del-clima/

[7] Steinberger, Julia. Climate emergency: scientific reality, necessary action. [PowerPoint Presentation]. Agosto 2019. Materiale presentato alla conferenza SMILE a Losanna (Svizzera).

[8] Fraioli, Luca. Cop25, rimandato il nodo delle emissioni: fallita la conferenza di Madrid. L’Onu: „Un’occasione persa“. In: la Repubblica. December 2019. https://www.repubblica.it/ambiente/2019/12/15/news/cop25_rimandato_il_nodo_delle_emissioni_greta_non_ci_arrenderemo_-243530321/?ref=RHPPLF-BH-I243531961-C8-P4-S1.8-T1

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