Das, was wir hier tun, war noch nie so wichtig


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Der Geruch meines dampfenden Ingwertees steigt mir in die Nase. Ich umklammer die heisse Tasse mit zittrigen Fingern und lasse meinen Blick nach draussen schweifen. Dicker Nebel hängt tief in den Strassen, umhüllt Laternen und Bäume und verschluckt umherstreifende Katzen. Dichte graue Schlieren ziehen sich durch die Gassen, ich kann nur schwache Umrisse einer vorbei eilenden Passantin erkennen. Ich kneife die Augen zusammen, immer enger, immer enger, doch eigentlich bin ich ganz froh, dass die furchigen Stirnfalten in den gestressten Gesichtern sich nicht in mein Gedächtnis einzubrennen vermögen. Ich drücke meine Nase an die eisige Fensterscheibe, atme tief ein und aus. Ein, aus. Ein, aus. Wie die Katze vom Nebel verschluckt wird, so verschmelze ich mit meinen eigenen Gedanken. Sie drehen sich im Kreis, immer und immer wieder drehen sie sich im Kreis.

Die heutigen Schlagzeilen, Dürre und Wirbelstürme, lodernde Waldbrände und Hungersnöte, die Erinnerung an jene von gestern und die Angst vor den morgigen vereinnahmen mich.

Ich fühle mich machtlos. Mit aller Kraft versuche ich mich seit Monaten aus einem verstrickten Gefüge zu befreien und so viele Menschen wie möglich auf meinem Weg mitzunehmen. Doch manchmal scheint es mir, als wollten meine Eltern, meine Nachbar*innen und Freund*innen mir gar nicht zuhören, als hätten sie kein Interesse daran, sich selbst und dem Rest der Welt zu helfen. Wir rasen mit 42 Gigatonnen CO2 pro Jahr auf einen Abgrund zu, und niemand scheint die Geschwindigkeit reduzieren zu wollen – oder zu können. Es zerreisst mich zu merken, dass sich die Menschen von Normen und Mustern der Gesellschaft und Manipulationen der mächtigen Grosskonzerne und Finanzinstituten steuern lassen wie ich mich von meinem Gedankenspiel. Sie fühlen sich persönlich angegriffen, wenn ich mir verzweifelt Gehör verschaffen will. Wieso meinen sie, dass ich ihnen etwas wegnehmen, vergönnen oder sie verraten will?

Ich blicke in das wirre Grau hinaus. Erinnere mich selbst an Sisyphos, der ewig einen Felsblock auf einen Berg hinauf wälzen muss, welcher, fast am Gipfel angekommen, immer wieder ins Tal zurückrollt. Bei jedem Aufprall auf dem Boden reisst der Stein Menschen in die Armut, nimmt ihnen Land, Wasser, Fruchtbarkeit, Heimat. Nimmt ihnen die Hoffnung auf ein gerechtes Leben, dort unten, am Fusse des Berges, im Süden. Ich fühle mich verantwortlich, den Brocken zu stemmen, ihn mit aller Kraft nach oben zu hieven. Doch immer wieder schneiden mir die Kanten und Spitzen meiner Last Wunden in die Hände, bis der Schmerz lauter schreit als meine Utopie.

Ich blicke in das wirre Grau hinaus. Erinnere mich an die entschlossenen Gesichter, die sich Schulter an Schulter gegen die ungerechte, zerstörerische Politik der Geldgierigen wehrten. Die abschätzigen Sprüche hallen in meinen Ohren nach, die fragenden Gesichtsausdrücke und mitleidigen, belächelnden Blicke, die mir zugeworfen werden, wenn ich von meinem Aktivismus erzähle, lassen mich erschaudern. Ob ich auch etwas Ernsthaftes im Leben leiste, fragen sie. Sie fragen, wie man denn den lieben langen Tag nur fürs Klima kämpfen könne. Ich bin darauf angewiesen, mich in diesem System, das uns an die Wand fährt, zurechtzufinden. Ich darf und will nicht marginalisiert, eliminiert werden. Und ich weiss, wie privilegiert ich bin. Das macht es nicht einfacher. Wenn ich scheitere, dann habe ich das Gefühl, es liege nur an mir. Wenn ich verwirrt und orientierungslos bin, mich nicht aus dem Bett quälen kann, dann meine ich, es sei einzig und allein meine Schuld. Ich könnte so frei sein, aber ich kann nicht. Ich denke an die gleichgültigen Masken derjenigen, die nur am Strassenrand standen, den Demozug beobachteten und ihr Handy zückten für einen neuen Post auf ihrem Instagramprofil. Mein Herz wird schwer. Es schlägt in grossen Abständen, dumpf und resigniert.

Ich nippe an meinem Tee. Die Hitze verbrennt mir die Lippen. Ich zucke zurück. Fluche kurz. Dann hebe ich meinen Blick. Der Nebel schwindet allmählich. Der Geschmack brennenden Ingwers weicht der Süsse des Dattelsirups auf meiner Zunge. Plötzlich werden die Bilder der Frustration abgelöst von Eindrücken der Kraft und des Kampfgeistes. Das euphorische Leuchten in den Augen kleiner Kinder, die zwischen farbigen Pappschildern und riesigen Transparenten hin- und herspringen, taucht vor meinem inneren Auge auf. Barfuss tanzen sie zu kräftigen Melodien, die aus den riesigen Lautsprechern dröhnen – Träume der Revolution erklingen. Mut überkommt mich. Mut und das starke Gefühl, dass jede Enttäuschung, jede Niederlage, jede Verzweiflung und jede Hoffnungslosigkeit niemals genug sind, um mich davon abzuhalten, weiter zu kämpfen und für meine Vision einer besseren Welt einzustehen. Ich will dieses Gemeinschaftsgefühl erleben, das mich packt, wenn wir von grünen Visionen träumen und rote Fahnen schwingen. Wenn wir bis tief in die Nacht Demonstrationen und Aktionen vorbereiten, Pläne schmieden und hitzige Diskussionen führen. Will Teil der Menschen sein, die wissen, dass sie das Richtige tun. Mich zugehörig fühlen zu denjenigen, die die Mächtigen von ihrem Thron stossen – die Mächtigen, die auf der Welle des Reichtums reiten und dabei jeden Verlust in Kauf nehmen. Das, was wir hier tun, war noch nie so wichtig. Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht wir, wer dann?

Vor meinem Fenster spaziert eine ältere Dame vorbei, auf den Stock gestützt. Ein zufriedenes Lächeln umspielt ihre Lippen. Ich muss meine Augen nicht zusammenkneifen, um zu erkennen, dass am Ärmel ihrer Jacke ein vertrauter Kleber aufblitzt. «Make Love, Not CO2», steht da.

Leonie Traber, 18, Klimaaktivistin, Mitglied der JUSO

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