Grüne Vision


Originaltext ist auf deutsch geschrieben.

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Die Welt ist langsamer geworden, ja, eigentlich steht sie still. Und erst jetzt haben Raupen wirklich Zeit, zu Schmetterlingen zu werden, endlich können wir uns entfalten. Einfach einmal anhalten und ausatmen. Vorher fühlte sich das Leben an wie ein Marathonlauf, bei dem wir immer schneller rennen mussten, die Ziellinie nirgends in Sicht. Aufstehen, arbeiten, schlafen, aufstehen, noch mehr arbeiten… Aber wir können nicht immer schneller werden, sonst kollabieren wir. Und jetzt bleiben wir einfach stehen, und es tut verdammt gut. Wir halten die Zahnräder an und schauen uns an, was falsch ist mit dieser Maschine.

Und wenn ich einmal nicht stehen bleiben will, dann schwinge ich mich auf mein Fahrrad. Ohne mir Sorgen machen zu müssen, ob der Lastwagen hinter mir mich wirklich sieht, denn hinter mir ist kein Lastwagen, schon lange gibt es keinen Autoverkehr mehr – ein starker Ausbau des öffentlichen Verkehrs machte dies möglich. Wenn ich früher über die Hardbrücke ging, erstickte ich fast wegen des Gestanks der vielen Autos – jetzt liegt nur ein leichter Frühlingsduft in der Luft.

Ich hatte als kleines Mädchen immer die Erwartung: Wenn ich gross bin, werde ich ein eigenes Haus mit Garten besitzen. Aber das will ich jetzt nicht mehr. Die kleine Wohnung, die ich mit Freund*innen teile, reicht mir vollkommen. Ich brauche keinen Garten mehr, denn das, was früher Strasse war, ist jetzt unser aller Garten. Statt grauem, trockenem Teer liegt dort nun feuchte Erde, die darauf wartet, mit Sonnenblumen bepflanzt zu werden. Aber nicht nur Blumen: Ein Grossteilgrosser Teil unseres Essens stammt von dort. Als ich das erste Mal eine Tomate aus dem Garten ass, konnte ich es nicht fassen – Geschmack! Früher musste ich mich im Supermarkt zwischen verschiedensten Sorten von perfekt-aussehenden, prallen, leuchtroten Tomaten entscheiden – die alle nach nichts schmeckten. Die Auswahl zu haben, das schien das einzig Wichtige zu sein – auch wenn die Anzahl Sorten der Anzahl Importländer entsprach.

In die Ferien zu gehen, hiess damals für viele in meinem Umfeld: Weit, weit weg zu fliegen. Mensch freute sich so darauf, und diese Ferien galten als Statussymbol; je weiter weg, desto besser. Wir haben uns das schöne Leben hierhin geholt, jetzt gilt weiter weg nicht als besser.

Von weitem glitzert mir eine Solaranlage entgegen. Stehen bleiben, das hat auch zur Folge, dass wir weniger Energie brauchen. Die Energie, die wir brauchen, die produzieren wir dezentral auf unseren Dächern. Wenn ich früher im Dunkeln in der Stadt unterwegs war, leuchtete überall Werbung. Heute ist das Licht nur an, wenn es an sein muss, und endlich sehe ich die Sterne wieder. 

Einem Wandel muss immer auch ein Reflexionsprozess vorangehen. Die Schere der Ungleichheit, die auseinander geht – wer zieht sie auseinander? Und wie schliessen wir diese Schere? Die, die den CO2-Ausstoss hauptsächlich verantworten, die, die uns alle in die Krise führten: Dases sind nicht jenesie, die von den Folgen am stärksten betroffen sind. Wie kann das sein? Fragen, denen wir viel zu lange aus dem Weg gegangen sind. Und auch das ist etwas, was wir in dieser Gesellschaft neu gelernt haben: über unsere Probleme zu sprechen. Und damit meine ich nicht, dass ein paar wenige alte, weisse Männer zusammen an einen Tisch sitzen, sondern, dass bei diesem Aushandlungsprozess alle, wirklich alle, dabei sein können. Kinder und Jugendliche, Frauen*, Menschen von Nah und Fern: Sie alle haben ein Mitspracherecht. Denn die Klimakrise zeigt exemplarisch auf: Die, die nicht mitsprechen dürfen, sind oft die, die es am härtesten trifft.

Dabei wurde klar, dass es so nicht weitergeht – dass wir diese mächtigen Zahnräder zum Stillstand bringen müssen. Ein System, das nach immer mehr Wachstum strebt, kann unmöglich nachhaltig sein. Ein System, das gewisse Menschen über andere stellt, kann unmöglich fair sein. Ein System, das Mensch und Natur nur als Ressource sieht, um zu mehr Profit zu gelangen, kann unmöglich das richtige sein!

Immer weiter zu pumpen, zu verbrennen, auszustossen: Das geht nicht, und eigentlich war das von Anfang an klar. Wir arbeiten weniger, konsumieren weniger, produzieren weniger, und trotzdem haben wir nichts verloren, sondern nur gewonnen. Nach immer mehr Wachstum zu streben, hatte zur Folge, dass Mensch und Natur ausgenutzt wurden: Die Wirtschaft wuchs, und gleichzeitig sanken Mensch und Natur in sich zusammen. Trotzdem hörte ich früher immer ein Wort, wenn es um Klimaschutz ging: Verzicht. Ich will nicht auf mein Auto verzichten, auf meine Flugreise nach Dubai, auf meine grosse Auswahl in der Migros. Ja, für einen kleinen Teil der Menschen schien der Übergang in eine grünere Welt mit Verzicht verbunden zu sein. Wir alle sollten jedoch froh sein, konnten wir die alte Absurdität hinter uns lassen: Wenige hatten viel, während viele wenig hatten. Das Streben nach Eigentum, das einem in unserem alten System von Geburt an eingetrichtert wurde, mussten wir ablegen. 

Wenn ich mir diese Welt also anschaue, und dann überlege, dass ich in das alte System zurückkehren müsstemuss, dann denke ich auch an dieses Wort: Verzicht. Verzicht auf Gemeinsamkeit, auf die Nähe zur Natur, auf Gleichheit. Und: Auf die Tomate, die wirklich schmeckt wie eine Tomate.

Lina Gisler, 19 Jahre alt, studiert Umweltnaturwissenschaften

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